Olympischer Abstiegskader

In großen Schritten geht es auf die Olympischen Spiele in Pyeongchang zu. Und wer noch einen letzten Beleg für den Zustand des deutschen Eishockeys braucht, der sollte auf den Kader des Bundestrainers schauen.

Marco Sturm ist in seiner Amtszeit wohltuend aufgefallen. Zum einen, weil er es geschafft hat, diejenigen, die in den Jahren zuvor häufig abgesagt hatte, wenn die Nationalmannschaft rief, wieder für sie zu begeistern. Zum anderen, da er mit einer Klarheit die Mängel anspricht, wie es lange keiner gemacht hat. Der Bundestrainer ist kein Schönredner, warnt junge Talente davor, nicht zu lange in Deutschland zu bleiben, weil es “hier nichts gibt”, was mit den Möglichkeiten in Nordamerika zu vergleichen sei. Hört man Marco Sturm also zu, fragt man sich, wie der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) auf die verwegene Idee kommen konnte, ein Konzept mit dem Namen “Powerplay 2026” ins Leben zu rufen.

Halbfinale 2026 ist reine Utopie

Ab jenem Jahr soll das deutsche Eishockey bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen verlässlich um das Halbfinale mitspielen können, und somit um Medaillen – die heute 17- bis 20-Jährigen sollen es also ab dann richten, die nachfolgenden Jahrgänge die Situation dann Stück für Stück verbessern. Was vernünftig klingt, ist reine Utopie. Für solche Ziele braucht es einen Aufbruch, ein Signal, das Kinder und Jugendliche in die Eishallen zieht und Öffentloichkeit und Sponsoren für den Sport begeistert. Allein daran mangelt es – die Heim-WM 2017 hat zwar für etwas frisches Geld, aber nicht gerade zu einem Ansturm auf die Vereine geführt. In den Kommunen und den Schulen ist das Eishockey – immerhin die klare Nummer Zwei in der Gunst des deutschen Sportpublikums – ebenso wenig präsent wie in überregionalen Medien. Die angesprochenen Generationen sind international auch nicht gerade das Gelbe vom Ei: U18 und U20 spielen – trotz einiger Talente wie Dominik Bokk und Moritz Seider – international nur zweitklassig.

Powerplay 2026 kann also bereits jetzt zu Grabe getragen werden, oder sollte zumindest als Powerplay 2036 ehrlicher gestaltet werden. Erst recht, wenn man bedenkt, wie wenig Zugkraft die höchste deutsche Spielklasse noch besitzt. Die anstehenden Olympischen Spiele zeigen das ebenso deutlich und hart. Obwohl die Deutsche Eishockey Liga (DEL) weltweit den zweithöchsten Anteil an Importspielern hat (nur in der britischen Liga spielen mehr) und die NHL ihre Spieler nicht für das Turnier in Südkorea freigegeben hat, machen die Top-Nationen bei ihrer Kaderzusammenstellung für Olympia einen Bogen um die DEL. Einen großen Bogen. Im kanadischen Team findet sich in Justin Peters lediglich der Ersatztorwart der Kölner Haie. Die USA nominieren nur drei Spieler aus deutschen Ligen, dabei in James Wisniewski gar jemanden aus der DEL 2.

Bedenkt man nun also, dass jedes DEL-Team bis zu elf Importspieler im Kader hat, die – sagen wir es diplomatisch – nicht unbedingt oben auf den Zetteln der internationalen Scouts stehen, dann kann man sich die sportliche Wertigkeit der Liga vorstellen. Mit der Qualität der schwedischen SHN oder der schweizerischen NLA hat das wenig zu tun. Nun könnte man argumentieren, dass es dort mehr zu verdienen gibt, aber am Hungertuch nagen hiesige Eishockey-Profis nun auch nicht. Nicht nur ein DEL-Club operiert mit einem zweistelligen Millionenetat. Nur stellt sich mal wieder Frage, wie sinnvoll das viele Geld ausgegeben wird. Solange Vereine wie die Adler Mannheim glauben, mit zweitklassigen NHL-Altstars die Massen zu begeistern (was sie nicht tun), wird man niemanden überzeugen können, die Zahl der Kontingentspieler zu begrenzen und damit die Clubs zum Einsatz jüngerer Spieler zu zwingen.

Keine Inspiration im DEB-Kader

Diese Schlussfolgerung ergibt sich nämlich aus dem mangelnden Angebot an gestandenen deutschen Spielern. Zieht man die Eingebürgerten ab, bleibt nicht viel in der aktuellen Generation. Ein Blick auf den vorläufigen Olympiakader genügt.

Die Überraschungen halten sich in Grenzen, als halbwegs brauchbarer Spieler ist man dabei, egal wie die Spielzeit im eigenen Team gelaufen ist (man frage bei den sieben Spielern aus Mannheim nach, oder bei Mathias Niederberger). Der Verband – und damit auch der eigentlich der Kreativität nicht abgeneigte Bundestrainer – setzt auf die konservative Variante. Kein Dominik Bokk dabei, der zwar noch sehr viel lernen muss, aber in Schwedens Topliga zu gefallen weiß, kein Marcel Müller, der derzeit der beste deutsche Scorer in der DEL ist, kein Dustin Strahlmeier oder Niklas Treutle, die als Torhüter in der DEL überzeugen. Keine Experimente, kein Ausweg aus dem oben beschriebenen Dilemma.

 

Das deutsche Eishockey braucht also einen glücklichen Zufall, einen Lucky Punch, ein Ereignis, das die Menschen im Land, die nicht so häufig auf den Sport schauen, elektrisiert. Ein Erfolg bei einem schwach besetzten Olympia-Turnier wäre da eine gute Möglichkeit. Aber in der DEB-Truppe sucht man vergebens überraschende Zugpferde, neue, junge Spieler, die begeistern. Jemand, der die grauenvollen Weltmeisterschaften unter Pat Cortina beiläufig verfolgt hat, wird bei Olympia die überwiegend gleichen Nasen präsentiert bekommen. Wen soll das hinterm Ofen hervor holen? Vermutlich: Niemanden.

Da wirkt es wie Hohn, dass sich die Verantwortlichen einen Schub von Olympia versprechen. Egal, ob DEB-Präsident Franz Reindl oder DEL-Chef Gernot Tripke – sie werden dieser Tage mal wieder entsprechend zitiert. Doch wie soll das mit einem Kader gelingen, der bei einer A-WM sofort den Stempel “Mission Klassenerhalt” bekommen würde? Wie soll das mit einem Kader, der vor allem auf Erfahrung, Kraft und Härte setzt, gegen technisch starke Teams wie Schweden oder Finnland gelingen?

Wieder bei den Durchhalteparolen angekommen

Das deutsche Eishockey ist schon wieder bei den Durchhalteparolen angekommen. Bei Olympia geht es eigentlich nur noch um Schadensbegrenzung statt um einen Aufbruch. Den schafft man nur noch, wenn man ganz harte und strukturelle Änderungen schnellstmöglich umsetzt. Wenn endlich jeder DEL-Club verpflichtend ein Team in der DNL stellen muss. Wenn dafür ein gewisser Prozentsatz des Profi-Etats ausgegeben werden muss. Wenn es Pflicht wird, eine Handvoll Spieler aufs Eis zu schicken, die mindestens drei Jahre in der eigenen Jugend aktiv waren. Aber keine Illusionen: Über andere Maßnahmen wie Hallenneubauten, Auf- und Abstieg und weniger Kontingentspieler wird schon zu lange diskutiert, als dass eine Umsetzung absehbar ist. Von Ideen, die darüber hinaus gehen, ganz zu schweigen. Also geht es erstmal so weiter mit den vielen Fensterreden. Aus “Powerplay 2026” dürfte dann wohl die Aufstiegsmission bei der B-WM 2025 werden. Nicht mehr.

Mehr zum DEB-Kader und die Rolle der DEL hört ihr auch in Ausgabe #23 unseres Podcasts (ab Minute 37:00)

Videofoto: Magic Mittens, veröffentlicht unter Creative Commons-Lizenz

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