Krefeld, (viel)leicht erklärt

Christoph Ullrich

Ihr wollt das beim KEV verstehen? Hier ein paar Fragen und ein paar Antworten.

Gerettet oder nicht? Die Lage bei den Krefeld Pinguinen stellt sogar den quälenden EU-Austrittsprozess der Briten in den Schatten. Und damit Ihr beim #Krexit den Überblick behaltet, haben wir für Euch mal die wichtigsten Details seit Beginn der KEV-Implosion zusammengefasst.

Wo fing das an und wann?

Wer es vergessen hat: Im Herbst 2018 geschieht das eigentlich Unvorstellbare. Mikhail Ponomarew wird als neuer Gesellschafter der Krefeld Pinguine einsteigen. Etwas um die 400.000 Euro zahlt er im Laufe der Zeit, um 46 Prozent der Anteile zu übernehmen. Wolfgang Schulz, der Hauptgesellschafter des KEV, sieht in dem Russen die Entlastung, die er sich lange gewünscht hatte. Seit Jahren ist er der einzige, der mit privatem Geld die Löcher der nicht gerade ertragreichen Pinguine stopft. Nun hat das ein Ende. Zumindest in der Theorie.

Das Problem an der Sache: Der „liebe“ Herr Ponomarew ist in der Szene kein Unbekannter. Der Präsident des Fußball-Drittligisten KFC Uerdingen hatte zwischen 2014 und 2016 die Düsseldorfer EG beinahe an die Wand gefahren. Wie? Indem er Mitgesellschafter hingehalten hatte, Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen war und Großes versprach, aber nichts wirklich gehalten hatte. Nur mit Mühe, Stadt und neuen Gesellschaftern gelang es, das Düsseldorfer Eishockey – am Ende einer fiesen Schlammschlacht – zu retten. „Lustiger“ Randaspekt: Auch der KEV war von der miserablen Zahlungsmoral Ponomarews betroffen. Eine von ihm gemietete Loge für ein Auswärtsspiel der DEG in der KEV-Arena bezahlte er nicht.

Und damit sind wir bei der Kurzfassung für die erste Antwort: Krefeld war in der finanziellen Not so blöd, sich von Mikhail Ponomarew Hilfe zu erhoffen. Sämtlichen Warnungen zum Trotz.

Warst du nicht fett und rosig?

Einfache Antwort: Nein! Wie die DEG 2014 war der KEV im Jahre 2018 eine tickende Zeitbombe. Gesellschafter Schulz war allein auf weiter Flur, das private Vermögen wurde durch das Eishockey immer kleiner, und Mitstreiter waren nicht in Sicht. Die fetten Jahre um 2013/14 herum, als die Pinguine sogar mal Vize nach der Hauptrunde waren, hatten keine nennenswerten Effekte. Der Geschäftsführer der GmbH, Matthias Roos, musste einen Traditionsverein ohne Kapital verwalten.

Das zeigte sich auch sportlich: Seit 2015 hat der KEV regelmäßig die Play-offs verpasst, wird vor jeder Spielzeit beständig auf den letzten oder vorletzten Platz der Liga getippt. Zeitweise drohte sogar der Verlust der Halle. All das wäre ja kein Problem, wenn man entsprechend wirtschaftet und halt wenig Geld ausgibt. Aber der Verein scheint bis heute ein Fass ohne Boden zu sein. Allen Bemühungen zum Trotz sollen – nach unseren Informationen – jährliche Fehlbeträge in Millionenhöhen auflaufen. Unterm Strich, auch hier die Kurzfassung: Mit nur einem richtigen Gesellschafter war und ist DEL-Eishockey in Krefeld nicht zu finanzieren.

Hast du denn niemals richtig rebelliert?

Aber natürlich. Gegen den Einstieg Ponomarews ist die Geschäftsstelle Sturm gelaufen. Medienvertreter haben hinter vorgehaltener Hand mehr als nur einmal erklärt bekommen, dass dieser Einstieg verhindert werden muss. Intern wurde sogar versucht, den Deal rückgängig zu machen – und die Anteils-Übernahme durch Ponomarew mit strategischen Winkelzügen nichtig zu machen. Alles zu einer Zeit, in der Wolfgang Schulz längst noch nicht vollends begriffen hatte, auf was er sich eingelassen hatte.

Als aber beim Hauptgesellschafter die Dämmerung eintrat, ging es richtig los. Auf einer Pressekonferenz beschuldigte Roos Ponomarew, seine Zusagen nicht einzuhalten. Dadurch würden dem KEV rund 400.000 Euro für die aktuelle Spielzeit fehlen, insgesamt belaufe sich das Defizit durch den Gesellschafter auf fast eine Millionen Euro. (Je nach Zeitpunkt und Version der Geschichte man rechnet) Die Reaktion fiel absurd aus: Über den Sprecher des KFC Uerdingen ließ Ponomarew verlauten: Alles Fake! Das Gegenteil sei der Fall – man schulde ihm Geld. Es wurde – erwartbar – verrückt.

Was hat dich bloß so ruiniert?

Im Grunde das, was folgte. Seitdem läuft das Spiel, das man von der DEG kennt. Ponomarev – oder genauer gesagt: seine Firma Energy Consulting (ECE), die aber irgendwie nicht mehr seine ist – will alle Anteile. Roos hingegen will den Gesellschafter loswerden. Die Zeit der Winkelzüge beginnt. Ponomarews Seite wirft der anderen um Roos vor, die tatsächliche Finanzlage des KEV verschleiert zu haben. (Wofür auch einiges spricht) Und andersrum heißt es, Ponomarew müsse zahlen, sonst drohe die Insolvenz. Außerdem gebe es einen geheimen Investor, der die Pinguine retten will.

Es folgen mehr Gesellschafterversammlungen als Heimsiege in der DEL. So oft wie der KEV gerettet ist, ist er auch schon insolvent. Schwierig, den Überblick zu behalten. Am Ende steht eine Idee, mit der offenbar alle Leben können: eine Stammkapitalerhöhung um 750.000 Euro, also fast eine Verdopplung. Das wiederum würde Ponomarews Anteile deutlich entwerten, dem geheimen Geheiminvestor aber den Einstieg ermöglichen. Am Ende scheint es auf dieses Szenario hinaus zu laufen, samt 300.000 Euro Soforthilfe aus ECEs (also Ponomarews?) Schatulle. Problem: Energy Consulting will weiterhin in die Bücher schauen. Roos hat keinen Bock auf Energy Consulting. Der Deal platzt. Wir reden wieder über die Insolvenz.

Und sitzt die Wunde tief in deinem Inneren?

Das ist die zentrale Frage! Geht es nicht längst um die persönliche Story zwischen Matthias Roos und Mikhail Ponomarew? Der eine hatte nie Lust auf den anderen, und hat das auch öffentlich erklärt. Und diese Kriegserklärung wurde auch gerne angenommen. Seitdem heißt es eigentlich „der oder ich“. Objektiv betrachtet ist die kolportierte Einigung nämlich eher unproblematisch.

Nachdem, was auf den Tisch liegt, würden nämlich die einst 46 Prozent wahrscheinlich unter die Sperrminorität von 25 Prozent rutschen. Im Gesellschafterrecht braucht man für alle Satzungsänderungen eine Drei-Viertel-Mehrheit. Wer also weniger als 25 Prozent hat, kann auch nichts sperren, was ihm nicht gefällt. Hätte man also das Angebot angenommen, hätte man ECE und Ponomarew locker als Kleinstgesellschafter inhaltlich ausbluten lassen können. Zumindest wäre der Einfluss auf den KEV sicher nicht gestiegen.

Aber wie gesagt: Darum geht es längst nicht mehr. Das Krefelder Eishockey – andere Gesellschafter, einige Sponsoren, Vereinslegenden, Fans – will eine Zukunft ohne Mikhail Ponomarew, und der will nicht kampflos gehen. So wäre es eine Insolvenz aus persönlichen Motiven. Was jedoch für eine Fortsetzung des Streits spricht ist: Wir haben Ende Januar, und eigentlich müssten sämtliche Zahlungen für den Januar bereits auf dem Weg sein. Wenn nicht, hätten die Pinguine längst Insolvenz anmelden müssen, um keine Verschleppung zu begehen. Wir können uns daher noch auf ein paar muntere Tage einstellen. Das Thema Krefeld weitergehen. Und was machen wir solange? Wir hören „Die Sterne“ singen:

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