Die Worthülse(n)

Warum die DEL einen radikalen Neustart braucht.

Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) hat sich in die Corona-Sackgasse manövriert. Der Liga-Start ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Schuld ist aber nicht das Virus alleine, sondern es sind hausgemachte Probleme, die seit Jahren mit vielen salbungsvollen Worten kaschiert wurden. Zeit für einen Neustart.

Als ich vor etwas über einem Jahr mit DEL-Chef Gernot Tripcke ein Interview über die neue Nachhaltigkeitskampagne #TeildesSpiels sprach, waren wir uns schnell einig: Die Liga muss was tun. Nicht erst bei den Finanzen, was als Thema schwelt, so lange es das deutsche Eishockey gibt. Nein, um Geld ging es mal nicht, es ging um den Aufbruch in die gesellschaftliche Realität.

Eishockey ist ein Energiefresser, der Sport kommt wenig ökologisch daher. Auch was die Diversität der Spieler, aber auch des Publikums angeht, hat es Aufholbedarf. Diesen Zeitgeist hatte Tripcke erkannt, es entstand die angesprochene Kampagne. Ein wichtiger Baustein, den Sport, der seit 2018 auf dem Silbermedaillien-Ticket gut unterwegs ist, zukunftsfest zu machen.

Doch schon wenige Wochen später, als die Mannheimer Fans in Düsseldorf antiziganistische Gesänge anstimmten und die DEL nichts unternahm, war wieder alles so wie immer. Was im PR-Sprech gut klingt, macht in der konkreten Umsetzung Arbeit und hin und wieder auch Ärger. Hätte man Mannheim damals unmittelbar nach dem Vorfall bestraft, und sei es nur mit der kleinstmöglichen Geldstrafe, hätte man sich auf Gegenwind der Gestrigen einstellen müssen.

Der Plan, eine wohlklingende Kampagne aufzusetzen, ohne sie wirklich mit Leben füllen zu müssen, ging schief. Als kritische Nachfragen kamen, was man nun mit dem Fall Mannheim machen wolle, gab es Antworten irgendwo zwischen Beleidigtsein und Rauslavieren. Halt das altbekannte, übliche DEL-Spiel. Was Arbeit macht, muss weggelabert werden. Endgültig erledigt war die Kampagne, als die Liga in einem Tweet #alllivematters (Den Hashtag der Neurechten) statt #blacklivematters nutzte. Es folgte eine peinlich berührte Entschuldigung.

Warum ich diese alten Geschichten noch einmal aufkoche? Weil sie gut zur Erklärung dienen, wieso die DEL in diesem Corona-Herbst ein trauriges Bild abgibt. Da kann man sich noch so sehr sagen, dass es umsichtig und realistisch ist, nicht mit 20 Prozent der Zuschauer zu spielen. Aber so richtig die Entscheidung ist, warum reicht diese Perspektive nicht?

Auch hier beginnt die Antwort da, wo #TeildesSpiels endet. Die DEL ist seit Jahrzehnten reine Kapitalverbrennung. Ohne Mäzene wäre die Liga von heute auf morgen geliefert. Selbst 100 Prozent Zuschauereinnahmen haben in der Fläche noch nie gedeckte Etats ergeben. Nie folgten dieser Einsicht Maßnahmen. Statt Gehälter wie Kosten zu bremsen und scharfe Lizenzvorgaben zu machen, wurde weitergewurschtelt.

Die Spirale drehte weiter und weiter – und dann kam Corona. Die Saison 2019/20 zerschellte und der Sommer bot die Möglichkeit zur Erneuerung. Die Liga hatte die Chance, Kontingentstellen zu reduzieren, einen Salary-Cap einzuführen, Etatgrenzen einzuziehen und vor allem auf einen Notfallplan zu setzen, der dritte und vierte Reihen aus DNL-Spielern vorgesehen hätte. Dem Wettbewerb hätte es nicht geschadet, den Kräfteverhältnissen auch nicht. München, Mannheim und Köln wären auch weiterhin die besten Truppen, weil sie die besten Jugendteams haben.

Man hätte die Lobby-Maschine anwerfen können, um sich endlich mal bei der Politik wirklich nachhaltig zu zeigen. Es hätten sich Figuren auskristallisieren können, die integer und respektabel vor der Spitzenpolitik auftreten, Eindruck machen und auch von schmerzlichen Anpassungen sprechen. Jede Wette, Hilfspakete wären nicht stur nach strengstem EU-Recht geschnürt worden. Wenn Regierungen verstehen, dass man ein paar Winkelzüge braucht, um den Sport zu retten, dann tun sie das auch. Sogar auf legalem Wege unter kreativer Auslegung bestehender Regeln. Wer aber keine intensive Lobbyarbeit macht, bekommt Hilfspakete, die keine sind.

Wer dann sogar noch beleidigt ist, Ultimaten stellt, um sie dann – aus Feigheit, Dummheit oder Unfähigkeit – nicht mehr als solche bezeichnen, wer Spieler nicht im Dialog, sondern via Erpressung zum Gehaltsverzicht auffordert, wer dann noch die Ligen diskreditiert, die sich trauen zu spielen, der ist organisatorisch, moralisch und sportlich nicht weit vom Ende entfernt.

Wenn die DEL eine Zukunft haben will, dann muss sie sich radikal verändern. Sie muss das, was sie sagt, auch wirklich leben. Sie muss strategisch klüger denken, den Sport supporten, statt den Selbsterhalt über alles zu stellen. Kurzum: Sie muss endlich die Realität anerkennen. Und die heißt auch: Corona zeigt, dass mit dieser Ligaspitze kein Neustart mehr möglich ist. In der Analyse nach der Krise kann kein „Weiter so“ mehr stehen. Die DEL braucht neue Leitungsfiguren, die „Ära Tripcke“ sollte enden.

9 thoughts on “Die Worthülse(n)

  1. Ich zitiere mal aus meiner Mail/Themvorschlag den ich im April an die Shorthanded News gesendet habe:

    „…..Heute habe ich den Podcast #123 von Sponsors mit Alexander Reil von den MHP Riesen Ludwigsburg (bbl) gehört. Im Zuge der Corona-Krise war ja oft zu lesen, dass beim Eishockey die Ticketeinnahmen ca. 60-70 Prozent des Etats ausmachen. Umso verwunderter war ich, dass es z.B. in Ludwigsburg nur 20-25% sind (bei deutlich weniger Spielen) und der Großteil Sponsoring ist (Etat rund 5 Millionen). Dann habe ich mal kurz recherchiert:

    Umsatz der Ligen 2008/2009:
    DEL: ca. 95 Mio
    HBL: ca. 78 Mio
    BBL. ca. 59 Mio

    Quelle: https://www.abendblatt.de/sport/article107589909/DEL-macht-mehr-Umsatz.html

    Umsatz der Ligen 10 Jahre später, 2018/19:
    DEL: ca. 130 Mio = + ca. 37%
    HBL: ca. 105 Mio = + ca. 35%
    BBL: ca. 128 Mio = + ca. 117%

    Quelle: https://www.focus.de/sport/mehrsport/allgemein-national-sponsors-del-bbl-und-hbl-steigern-umsaetze_id_11199815.html

    Hier sieht man, dass die DEL zwar noch knapp führend ist, sich in den letzten Jahren prozentual nahezu identisch mit der HBL weiterentwickelt hat. Erstaunt hat mich die Entwicklung der Basketball-Bundesliga, die vor 10 Jahren deutlich abgeschlagen auf dem 3. Platz lag und ich denke (ohne Corona) die DEL im nächsten Jahr überholt hätte und ggf. auch wird.

    … und da kommt bei mir die Frage auf (und das schon länger, auch wenn ich Interviews mit Herrn Tripcke höre etc.), kann sich die DEL hier was abschauen? Sind in der DEL die richtigen Leute am Werk, mit Ideen, Konzepten und vor allemVisionen? Sind die Sponsoreneinnahmen in der DEL nicht zu gering, lässt man hier zu viel Potential liegen – sowohl auf Vereins- als auch auf Ligaebene? Wie kann eine Sportart mit weniger Zuschauern in den Hallen mehr Sponsorengelder erwirtschaften?! Auch die TV Zahlen sind nach meinen Recherchen bei der DEL sowohl im Free-TV als auch bei Magenta (11 Mio DEL, 9 Mio 3. Fußball Liga und 8 Mio Basketball lt. Pressemitteilung Telekom) am besten. Ein Blick auf die Website der BBL zeigt, dass dort im Liga Büro alleine 8 (!) Personen im Bereich Marketing, digitale Medien und Social Media arbeiten…

    Ist die DEL hier professionell genug aufgestellt oder läuft sie Gefahr hier bald überholt zu werden (wenn hoffentlich alles bald mal wieder normal läuft) ??…..“

  2. Zum Artikel muss ich noch sagen, die doch auf den ersten Blick gute Entwicklung der letzten Jahre (Zuschauerzahlen in den Stadien, trotz Magenta, TV Zahlen, Oly-Silber, Spieler in der NHL, mit Draisaitl einen Superstar usw.) hat darüber hinweggetäuscht, dass in dieser Liga einiges im Argen liegt, einiges verpennt wurde und das Potential bei weitem nicht ausgeschöpft wurde. Corona hat es aufgedeckt und jetzt werden ohnehin wirtschaftlich wahrscheinlich schwierigere Jahre kommen… Aber mit diesen Verantwortlichen mache ich mir ehrlich gesagt keine großen Hoffnungen Tripcke „… ich weiß nicht ob OlympiaSilber uns einen Zuschauer mehr in die Hallen bringt…“, aktuelles Interview von Herrn Brück in der EHN, von Arnold habe ich noch nie viel gehalten…

  3. Die DEL hat fertig und ich habe mit keinem einzigen Club Mitleid.

    Egal ob die noch starten oder nicht, ich denke von den 14 Clubs werden nicht viele übrig bleiben.

  4. Spätestens wenn Magenta denen den Geldhahn zudreht und das wird irgendwann passieren, fällt das Kartenhaus zusammen.
    Magenta wird ja nicht ewig für nix zahlen, vorallem wenn sich die Liga so beharrlich weigert zu spielen.
    Es gibt keinen Lösungsvorschlag von Seiten der Liga außer dreiste Forderungen.

  5. Der Kommentar stimmt wohl weitestgehend. Allerdings sind einige Dinge gerade zu ruecken. Ob DEL oder DEB, die Liga ist seit Jahrzehnten von Sponsoren abhängig. Vermarktung und Ticket Einnahmen reichen nirgendwo aus. Red Bull, Audi, Anschuetz, SAP etc etc schießen ueberall zu. Die Aussage, dass Mannheim, Muenchen und Koeln wegen der tollen Jugend fuehrend sind, ist im Fall Koeln ad absurdum gefuehrt. Keine Play Offs. Red Bull ist eh ein Sonderfall siehe RB Salzburg, und ohne Hopp waere Mannheim auch problematischer. Eishockey ist seit Jahrzehnten als Profiliga in Deutschland nicht wirtschaftlich zu betreiben. Ohne Sponsoren oder hohe Verschuldung ( EBB 30 Mio?) kein Profihockey!!!

  6. Weil es so gut zu diesem Artikel passt, zitiere ich einfach mal aus dem Münchner Forum:

    Die Geschäftsführer der DEL, BBL und HBL in einer 45 minütigen Sendung von BILD (sehr interessant):

    https://www.google.de/amp/s/m.bild.de/sport/2020/sport/eishockey-basketball-und-handball-liga-bosse-sprechen-bei-bild-klartext-73319392,view=amp.bildMobile.html

    Bezeichnend wird es aber ab Minute 38 auf die Frage, wo die Geschäftsführer ihre Ligen in 5 Jahren sehen:

    Basketball: ganz klarer Plan, absolutes Wachstum, Fahrplan und Konzepte liegen nur wegen Corona auf Eis, werden danach sofort wieder aufgenommen unter weiter verfolgt. Potential scheint extrem gut zu sein, ohne Corona wäre die Saison auf 140 Mio Umsatz ausgelaufen

    Handball: Klares Konzept (nicht ganz so extrem wie BBL) für die nächsten 10 Jahre sind schon einige große Turniere für Deutschland fix, man will das Zugpferd als stärkste Liga der Welt ausbauen, Standort in München wünschenswert.

    DEL: Draisaitl, Olypmia, Draft, München im CHL-Finale und man will weiterhin so erfolgreich „weiter wurschteln“ wie bisher …. 🙂

  7. „… Köln … weiterhin … beste … Truppe …“

    So wie in der letzten Saison? Oder so wie in den letzten 18 Jahren ohne Titel? (Pokal ist j gar nichts, sorry.) Der Satz hat meinen Tag gerettet!
    Und kommt mir bitte nicht mit LD, der hat nur von seinem 8. bis zu seinem 14. Lebensjahr im Nachwuchs der Haie gespielt, danach dann Mannheim und Übersee. Den immer als Kölner-Spieler und/oder Kölner-Talent abzufeiern finde ich ein wenig Fehl am Platz,,,

    1. Naja, sooooo schlecht sind die Junghaie nicht. Und was können wir dafür, wenn die Haie die Performance nicht bringen? *lach* Auf dem Papier sind sie auf jeden Fall stark.

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