Die besten DEB-Millennials für die NHL

Es könnte ein großer Moment für Dominik Bokk werden. Läuft alles nach Wunsch, wird der 18-Jährige in der ersten Runde des NHL-Drafts gezogen – als fünfter Deutscher nach Olaf Kölzig (1989, 19.), Marco Sturm (1996, 21.), Marcel Goc (2001, 20.) und Leon Draisaitl (2014, 3.). Nicht nur deswegen sehen viele Beobachter Bokk als stärksten deutschen Eishockey-Spieler seit Jahren an. Was allerdings nicht bedeutet, dass er der einzige ist, für den sich ein genauerer Blick lohnt. Hier sind die fünf aktuell größten Talente des deutschen Eishockeys, die erst in diesem Jahrtausend geboren sind.

Dominik Bokk – Växjö Lakers (SuperElit) – Flügelstürmer – Jahrgang 2000

Es kommt nicht häufig vor, dass ein Name bereits dem Großteil der hiesigen Eishockey-Fans bekannt ist, bevor er ein Spiel in der DEL oder der Nationalmannschaft absolviert hat. Bei Dominik Bokk ist das so. Selbst die großen Zeitungen haben über ihn berichtet. Das Sturmtalent erregte bereits im vergangenen Jahr viel Aufsehen, weil er nicht nur die Chance ausschlug, in der kanadischen Western Hockey League für Leon Draisaitls Ex-Verein Prince Albert Raiders zu spielen, sondern von Köln aus zu den Växjö Lakers nach Schweden ging – für deutsche Nachwuchsspieler keine alltägliche Wahl. Doch die scheint die richtige gewesen zu sein: Der gebürtige Schweinfurter, der erst mit sechs Jahren zum ersten Mal Eishockey spielte, ist neben Elias Pettersson das größte Talent der Lakers und empfiehlt sich damit für den heutigen NHL-Draft. Er selbst sagte gegenüber der FAZ: „Die schwedische Eishockey-Kultur kommt mir entgegen.“

Bokk lässt sich am besten als offensiver Allrounder bezeichnen. Dank seiner überragenden Stocktechnik und Übersicht schafft er immer wieder Räume für sich und seine Mitspieler, bevor er diese gekonnt in Szene setzt. „Er weiß immer, was zu tun ist, wenn er den Puck bekommt. Diese Fähigkeit haben nur wenige, und er ist einer von ihnen“, schwärmt Trainer Janne Karlsson. Bei der Nationalmannschaft muss Bokk aber auch häufig selbst für Tore sorgen, und obwohl sein Schuss nicht zu seinen allergrößten Stärken gehört, weiß er genau, wie man die Scheibe im Tor unterbringt. In seiner letzten DNL-Saison tat er das für die Kölner Junghaie in 45 Spielen 39 Mal. Hinzu kamen 39 Vorlagen. In seinem ersten Jahr in Schwede waren es nach 43 Spielen 19 Tore und 52 Punkte. Bokk durfte sogar 18 Mal für die Profis der Växjö Lakers in SHL und CHL spielen, am Ende standen zwei Tore und zwei Vorlagen. In der nächsten Saison, die er aller Voraussicht nach erneut in Schweden verbringen wird, will er sich bei den Erwachsenen festspielen.

Viele Scouts sehen den Stürmer als eins der größten Offensivtalente in diesem Jahr, sagen aber auch, dass er im Spiel ohne den Puck noch viel Luft nach oben hat und zudem konstanter werden muss. Eine genaue Draft-Prognose ist daher schwierig, dass er ein Top-50-Pick wird, ist aber quasi garantiert. Manche Scouts sehen ihn sogar unter den Top-15. Sollte er wirklich so hoch gezogen werden, wäre das eine Überraschung.

Moritz Seider – Jungadler Mannheim (DNL) – Verteidiger – Jahrgang 2001

Was Dominik Bokk für Stürmer ist, ist Moritz Seider für Verteidiger. Seider machte erstmals in der Saison 2016/17 auf sich aufmerksam, als der damals erst 15-Jährige bereits zu einer festen Größe in der DNL-Mannschaft der Jungadler Mannheim aufstieg. Seitdem ist Seider aus dem Team nicht mehr wegzudenken – auch wenn er beim DNL-Finale verletzt zusehen musste. Mittlerweile ist selbst den „großen Adlern“ bewusst, dass sie ein außergewöhnliches Talent in ihren Reihen haben. Im Oktober durfte der immer noch erst 16-Jährige sein DEL-Debüt geben, insgesamt kam er in der Saison 2017/18 auf vier Einsätze bei den Profis. Und zeigte sich danach abseits des Eises in Interviews ebenso souverän wie während der Spiele. Nächste Saison soll er mehr und mehr bei den Profis spielen.

Dank idealer Maße und einer vor allem für seine Größe beeindruckenden Lauftechnik kann der 1,92 Meter große und 85 Kilogramm schwere Verteidiger dem Spiel regelmäßig durch harte Checks seinen Stempel aufdrücken. Auch wenn er selbst sagt, dass er noch deutlich breiter und stärker werden muss. „Aber ich habe ja auch noch ein paar Jahre Zeit dafür.“ Bereits jetzt ist Seider sehr defensivstark und überzeugt zudem mit dem Puck am Schläger. Der 16-Jährige besticht durch seine überragende Übersicht und Passgenauigkeit, sowohl im Spielaufbau als auch in der Offensivzone. In der abgelaufenen DNL-Saison machte er bis zu seiner Verletzung 27 Punkte in 26 Spielen. Als Verteidiger.

Seider ist der Traum eines jeden Trainers, da es wenig gibt, was er nicht kann. Das ist auch seit langem bei Scouts bekannt, folglich ist es alles andere als unwahrscheinlich, dass er im NHL-Draft 2019 in der ersten Runde gezogen wird. Ein General Manager aus der Ontario Hockey League (OHL) zeigte sich beeindruckt: „Seider kann der beste deutsche Verteidiger seit langer Zeit werden, besser als Ehrhoff und Seidenberg“. Deswegen gab es Interesse von Vereinen aus Nordamerika und Skandinavien, die Adler haben ihn aber als so etwas wie das Gesicht für ein Umdenken im Verein auserkoren. Es soll in Mannheim künftig mehr auf den eigenen Nachwuchs gesetzt werden. Was von der Ankündigung, die Geschäftsführer Daniel Hopp vergangene Saison während der Krise tätigte, übrig bleiben wird, kann aber noch niemand sagen.

Yannik Valenti – Jungadler Mannheim (DNL) – Flügelstürmer – Jahrgang 2000

Wie Seider machte auch Stürmer Yannik Valenti bereits sehr früh klar, dass er es bis ganz oben schaffen kann. Als 13-Jähriger erzielte der Stürmer 58 Tore in 26 Spielen mit der U16 der EJ Kassel. Im Jahr darauf waren es 30 Tore in neun Spielen, bevor er bereits mit 14 in der DNL 2 ran durfte – und selbst dort erzielte er mehr als einen Punkt pro Spiel. Kein Wunder also, dass die Jungadler anklopften und ihn nach Mannheim lotsten.

Auch dort hatte Valenti nie Probleme, sich durchzusetzen. Der Sohn von Huskies-Verteidiger Sven Valenti zeigt sich auf dem Eis als einer der spielintelligentesten Stürmer der DNL, antizipiert gegnerische Spielzüge schon vor ihrer Entstehung und spielt sich so selbst Chancen heraus. Zudem schafft es der schnelle Flügelstürmer immer wieder, seine Gegner im Eins-gegen-Eins zu überwinden und den Puck mit einem schnellen und genauen Handgelenkschuss im Tor zu versenken. Das war auch in den DNL-Play-offs zu sehen, wo er sechs Tore in fünf Spielen schoss und die Gegner bei seinen Sololäufen reihenweise alt aussehen ließ.

Ein Scout aus der Western Hockey League (WHL) beschrieb Valenti nach der U18-WM im vergangenen Jahr als „extrem torgefährlich“, fragt sich aber auch, ob er mit seinen 1,78 Metern und 80 Kilogramm für das nordamerikanische Spiel gewappnet ist: „Körperlich hat er mich nicht überzeugt“. Etwas anders sieht es bei den Vancouver Giants aus, die ebenfalls in der WHL spielen und sich im CHL-Import-Draft Valentis Rechte sicherten. Jüngst nahmen sie den Stürmer für die kommende Spielzeit unter Vertrag. In Vancouver wird Valenti, der bereits fünf Mal bei den Profis der Adler zum Einsatz kam, versuchen, auch NHL-Scouts auf sich aufmerksam zu machen. Auch er wird 2019 zum ersten Mal im NHL-Draft verfügbar sein.

Tim Fleischer – Jungadler Mannheim (DNL) – Mittelstürmer – Jahrgang 2000

Im Gegensatz zu Seider und Valenti ist Tim Fleischers Entwicklung durchaus als Überraschung einzuordnen. Mit dem Iserlohner EC, seinem Heimatklub, schaffte es der Center in der Saison 2016/17 bis ins Viertelfinale der DNL-Play-offs, wechselte dann – wie die meisten großen Talente – zu den Jungadlern nach Mannheim. Dort stieg er in der abgelaufenen Saison 2017/18 zum Leistungsträger auf und war mit 48 Punkten in 21 Hauptrundenspielen vor seiner Verletzung sogar der punktbeste Spieler der Liga.

Fleischer besticht vor allem durch seine Vielfältigkeit und Konstanz: „Es gibt kaum einen Unterschied zwischen seinem besten und seinem schlechtesten Spiel, er ist einfach immer da“, sagte ein in Deutschland aktiver Spielerberater. Nach einem einzelnen herausragenden Attribut sucht man bei Fleischer allerdings vergeblich – was seine Stocktechnik, seinen Schuss oder seine läuferischen Fähigkeiten angeht, liegt er nicht weit über dem Durchschnitt. Er hat jedoch auch kaum Schwächen und kann durch hohe Spielintelligenz und Übersicht überzeugen.

So zeigte sich ein Scout aus der United States Hockey League (USHL) nach einem Turnier der Jungadler im kanadischen Ontario begeistert: „Fleischer kann in ein paar Jahren ein richtig guter Spieler werden, man kann ihn in jeder Situation einsetzen“. Auch Fleischer wird es im Sommer wohl nach Übersee ziehen. Setzt er sich dort durch, kann er sich auch berechtigte Hoffnung für den NHL-Draft 2019 machen.

Tim Stützle – Jungadler Mannheim (DNL) – Flügelstürmer – Jahrgang 2002

Es ist schwierig, die Entwicklung und den langfristigen Erfolg von 16-Jährigen vorherzusagen, doch bei Tim Stützle sind sich alle einig: Er hat eine große Zukunft vor sich und streitet mit Bokk und Seider um den Titel „größtes deutsches Talent seit Leon Draisaitl“. Dass er auch in entscheidenden Situationen zur Stelle ist, bewies er im DNL-Finale. Im entscheidenden dritten Spiel gegen Berlin erzielte er zwei Treffer – auch das Siegtor zum 4:3 in der Verlängerung.

„Es macht riesigen Spaß, Stützle zuzusehen”, brachte es ein USHL-Scout auf den Punkt. Stützle wurde erst im Januar 16 Jahre alt, war mit 20 Toren und 49 Punkten in 27 DNL-Hauptrundenspielen aber der drittbeste Scorer der Saison 2017/18. Der Stürmer ist ein überragender Techniker mit einem Schussarsenal, das nicht nur in Deutschland seinesgleichen sucht. Natürlich gibt es in Stützles Alter noch einige Bereiche, in denen er sich verbessern muss, dennoch ist er in seiner Entwicklung bereits heute den meisten Spielern in seinem Alter weit voraus.

Nach aktuellem Stand wird Stützle noch ein weiteres Jahr in Mannheim bleiben, bevor auch er den Weg nach Nordamerika antritt. Wahrscheinlich führt der über die USHL und von dort an die University of New Hampshire, der das Sturmtalent bereits eine Zusage für die Saison 2020/21 gegeben hat. Es gibt jedoch auch mehr als genügend Interesse aus den kanadischen Juniorenligen. Stützle hat noch genug Zeit, sich seine Entscheidung zu überlegen. Und egal, wo er letztendlich landen wird, die Scouts sind sich sicher: Das Potential zum Erstrunden-Pick im NHL-Draft 2020 hat er.

Beitragsbild: Thomas Schlosser/CC-Lizenz

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