Der Hype, den es nie gab

Christoph Ullrich

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft hat in dieser Spielzeit vieles richtig gemacht. Nach Olympiasilber hat das DEB-Team bei der Weltmeisterschaft – trotz einiger sportlicher Probleme – weiter Sympathiepunkte gesammelt. Dennoch wird langsam klar: Den vermeintlichen Eishockey-Boom, den so viele nach der Silbermedaille gesehen haben, gibt es so nicht.

Es hat sich viel getan seit dem Februar: Kollegen berichten davon, dass es in den Redaktionen einfacher geworden ist, auch mal einen Eishockeytext mehr ins Blatt zu heben als sonst. In den Sendeanstalten des Landes wird intern viel über den neuen Hype gesprochen, die Regionalprogramme öffentlich-rechtlicher Sender waren voll von Beiträgen mit plötzlich an Eishockey interessierten Kindern. Und die Eishallen in den ersten Partien nach Olympia waren dann doch etwas voller als vielleicht manch einer erwartet hat.

Nur 160.000 Zuschauer im entscheidenden DEl-Spiel

Außerdem gab es großen Sport in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Statt Branchenprimus RB München gelangweilt beim souveränen Verteidigen des Titels zuschauen zu müssen, wurde es unerwartet spannend. Das Endspiel zwischen München und Berlin ging ins siebte Spiel – ein echtes Finale. Man sollte also meinen, dass von den 3,19 Millionen Menschen (Marktanteil 51,2 Prozent), die sich zu nachttrunkener Zeit das Spiel um Gold bei Olympia angeschaut haben, auch ein paar den Weg zum DEL-Finale finden sollten.

Doch die Ernüchterung kann nicht größer sein: Die Telekom hat unlängst die Zahlen bekannt gegeben, wie viele Menschen in der Spielzeit 2017/18 das Eishockeyangebot des TV-Partners der DEL genutzt haben. In einer Jubelmitteilung (wie PR halt in diesen Tagen sein muss) steht das Entscheidende in der Mitte, wohl verpackt zwischen hohen, aber auch irgendwie hinterfragbaren Zahlen. Nur 160.000 Zuschauer haben das entscheidende Spiel 7 zwischen München und Berlin gesehen.

Eine desaströse Zahl für eine Sportart, die vermeintlich einen Hype erlebt. Nur mal zur Einordnung: Die Gesamtkapazität der Hallen deutscher Profistandorte von DEL und DEL 2 beträgt 186.902. Geht man davon aus, dass es jeder Verein einmal pro Spielzeit schafft, das Stadion irgendwie ausverkauft zu bekommen, hat noch nicht einmal die komplette Eishockey-Blase der oberen 28 Vereine zugeschaut.

Allein die Eishockey-Blase schaut zu

Es ist ein – so deutlich muss man es sagen – Desaster. Der Verzicht auf die Free-TV-Übertragung der Spiele 5 bis 7 auf Sport 1 war zwar vertraglich korrekt, aber ein kompletter Schuss ins eigene Knie. Bei nur 160.000 Zuschauern ist das Kalkül der Telekom nicht aufgegangen, mit der gewählten Konstruktion nur der ersten Finalspiele ein paar neue Kunden zu gewinnen.

Und für DEL und DEB ist die Zahl eine klare Ansage, dass Eishockey zwar hier und da gerne geschaut wird, aber eben noch nicht auf dem Level ist, dass deutlich mehr Menschen gezielt nach dem Sport suchen. Vielleicht sollten alle Beteiligten noch einmal darüber nachdenken, ob der Sport schon reif dafür ist, auf eine zu große Exklusivität bei den Übertragungen zu bestehen.

Mehr zum Thema gibt es auch in Folge #40 unseres Podcasts:

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