DEL: Corona-Helden mit Schönheitsfehler

Christoph Ullrich

Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) hat, wie auch die DEL 2, die Spielzeit für beendet erklärt. Erlasse diverser Landesregierungen lassen den höchsten Ligen des zweitgrößten Publikumssports keine andere Wahl. In vielen Bundesländern wurden wegen des Corona-Virus Großveranstaltungen mit über 1.000 Besuchern faktisch untersagt.

Schon am Sonntag war alles klar

Der tatsächliche Todesstoß für die Eishockey-Saison kam am Sonntag-Abend (08.03.20210). Als in der ARD-Talkshow Anne Will der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Laumann (CDU) und sein Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) erklärten, eine Empfehlung des Bundesgesundheitsministers umzusetzen, war klar, wohin die Reise geht. Jens Spahn (CDU) hatte als zuständiger Bundesminister empfohlen, nirgends mehr über 1.000 Teilnehmer bei einer Veranstaltung zuzulassen.

Da wir im Föderalismus leben, war das zunächst nur eine Empfehlung. Aber als NRW und dann auch später Bayern im Laufe des Montags erklärten, die Empfehlung umsetzen zu wollen, war es um die Saison längst geschehen. Das musste am Montag (11.03.2020) jedem in der DEL klar gewesen sein, wie in der DEL 2 und auch den Oberligen.

Es ging um Verlustminimierung

Warum? Anders als im Fußball wären sogenannte Geisterspiele ohne Zuschauer für den Sport ein zu hoher Preis. Egal ob Teams mit großer Arena oder kleiner Halle – mit jedem Spiel kommen eventuelle Prämien und Reisekosten oben drauf. Die Einnahmen aus dem Fernsehvertrag mit der Telekom, von geschätzt etwas über 400.000 Euro pro Verein, fangen das bei Weitem nicht auf.

Also ist es zunächst ein wirtschaftliches Gebot, die Spiele abzusagen. Der Erlass in Bayern geht bis Mitte April, der in NRW ist unbefristet. Der Rahmenkalender gibt keine Verlegung in den Mai vor – da droht am Horizont die WM. Und schaut man auf die Entwicklung des Corona-Virus in den anderen Ländern und auf vergleichbare historische Fälle, sollte schnell klar sein, dass mindestens bis in den Mai hinein nichts mehr gehen sollte.

Kölner Haie der wirtschaftliche Sieger der Saison

Insgesamt eine sinnvolle Entscheidung, mit dem Treppenwitz, dass die Kölner Haie jetzt der große Sieger sind. Sie hatten sich überraschend nicht für die Play-offs qualifiziert und müssen demnach keine Prämien an ihre Spieler zahlen. Andere Teams, die in der Schlussrunde dabei sind, bleiben zunächst auf den Prämien sitzen. Der sportliche Verlierer der Spielzeit ist somit der wirtschaftliche Gewinner, da die Kölner trotz Katastrophensaison einen Rekordschnitt bei den Zuschauern hatten.

Trotz der negativen Wirtschaftsfaktoren, bei denen es schlicht um die Verlustminimierung ging, hat die Absage seine guten Seiten für den Sport. Zunächst wird voraussichtlich kein Team pleite gehen, was erst einmal bei den ganzen Verlusten paradox klingt. Die Etats sind bei nahezu allen Clubs ohne Play-offs zur Lizenzierung eingereicht worden. Wer mit Play-offs rechnet, kann es sich entweder leisten oder wirtschaftet unseriös, was wiederum kein Corona-Problem ist. Wir können also sagen: Wenn ein Verein über den Sommer in eine wirtschaftliche Schieflage kommt, hat das eher nichts mit der Corona-Absage zu tun.

Imagegewinn trotz kleiner Schönheitsfehler

Aber verlassen wir mal die wirtschaftliche Ebene, schauen wir mal darauf, wie die Liga sich bis zur letztendlichen Entscheidung verhalten hat. Fangen wir mit den kleinen Schönheitsfehlern an. Eigentlich wurde viel zu lange über die Absage debattiert. Fans, die zu den Spielen der ersten Runde am Mittwoch fahren wollten, hätte man schon am Dienstagmorgen Bescheid geben können, statt sich bis in den Abend darüber zu verständigen, ob Wasser tatsächlich nass ist.

Und da war noch der Fauxpas um die Erklärung zur Absage, wo Angela Merkel (CDU) als Kanzlerin die amtliche Empfehlung zur Absage gegeben hätte. Das wäre eine Kompetenzüberschreitung der Bundeskanzlerin und legt leider ein immer wieder vermutetes Defizit in der Kenntnis politischer Zusammenhänge. Für eine Sportliga, die sich in der sportpolitischen Lobbyarbeit tagtäglich beweisen muss, ein erschreckendes Signal.

DEL hat als erste Liga ein Signal gesetzt

Aber sind wir mal nicht so streng: Die Debatte um die Absagen ist auch eine der Solidarität. Es geht um den Schutz derer, die durch das Virus sterben können. Es sind Menschen über 65 oder Menschen mit Vorerkrankungen. Wenn wir also alle unsere Kinder, uns selber und den Rest der Freund in die Hallen schleppen, sind wir schnell lautlose Überbringer. Ein Sport, der das in Kauf nimmt, weil ihm das Geschäft wichtiger ist, der handelt unsolidarisch. Der hat das Geld längst über den Menschen gestellt.

Für all das steht die DEL jetzt aber nicht mehr. Sie ist die erste Liga, die eine klare Linie gezogen hat. Vorm Basketball, vorm Handball und natürlich weit vorm Fußball. Das Eishockey ist jetzt plötzlich der Sport der Solidarität. Dazu die Geste des EHC Red Bull München – sie hatten es von Anfang an abgelehnt, sich als Hauptrundensieger zum Meister küren zu lassen.

Auf einmal ist man also die putzige Chaos-Liga mit Herz. Könnte alles schlimmer sein. Das positive Image, das sich der Sport seit Olympiasilber aufgebaut hat, wird sich so noch weiter verbessern – pünktlich zur ersten Spielzeit mit Auf- und Abstieg, die ab September (hoffentlich) startet. Und deshalb hat Corona – mit Blick auf das Eishockey – auch sein Gutes. Bei allen Problemen und dem Frust, den die Absage mit sich bringt.

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