Das Märchen vom funktionierenden Auf- und Abstieg

Frankfurt gegen Herne

Ganz Eishockey-Deutschland will den Auf- und Abstieg zwischen DEL 2 und DEL. Dabei wird oft übersehen: In fast keiner Liga funktionieren Relegation und Promotion – egal ob es Regelungen gibt oder nicht.

Die Diskussion um die Einführung des Auf- und Abstiegs zwischen DEL und DEL 2 ist lang und sehr emotional. Nachdem 2008 die Kassel Huskies der vorerst letzte sportliche Aufsteiger in die Deutsche Eishockey Liga waren, kamen neue Teams lediglich durch Lizenzkauf (2013 Schwenningen für Hannover) oder als Nachrücker (2016 Bremerhaven für die Hamburg Freezers) in die oberste deutsche Klasse. Für viele Fans und handelnde Akteure im deutschen Eishockey ein nicht hinnehmbarer Zustand.

Die Argumente des Für und Wider sind bekannt, ebenso dass zwischen beiden Ligen vertraglich vereinbarte Prozedere zur Wiedereinführung der Verzahnung. So haben die DEL2-Klubs Bietigheim, Kassel, Frankfurt, Riessersee, Dresden und Heilbronn ihre Bewerbungsunterlagen samt Bürgschaften bei der Deutschen Eishockey Liga hinterlegt. Nachdem in den beiden Jahren zuvor formaljuristische Dinge wie der Einhaltung von Fristen oder das Nutzen korrekter Bürgschaftsformulare einer Wiedereinführung im Wege standen, hoffen viele, dass die im dritten Anlauf eingereichten Unterlagen mustergültig sind.


Aller Guten Dinge sind ja bekanntlich drei. Allerdings: findet die DEL auch nur ein falsches Komma, eine andere Papierfarbe als definiert oder eine fehlende Unterschrift in den Bewerbungsunterlagen wird die Verzahnung beider Ligen vorerst ad acta gelegt. Eine sportliche Qualifikation für die Beletage des deutschen Eishockeys wird es dann auf absehbare Zeit nicht geben.

Die DEL 2 und der “Abstieg”

Soviel zum bekannten K(r)ampf um den Erstligaaufstieg. Etwas anders sieht die Situation dann aus, wenn man in der DEL 2 auf den Abstieg schaut. Seit Gründung der DEL 2 in ihrer jetzigen Form zur Saison 2013/14 nahm immer der sportliche Aufsteiger aus der Oberliga in der Folgesaison am Spielbetrieb der DEL 2 teil. Einen positiven Bescheid auf die Fristgerecht eingereichten Lizenzierungsunterlagen und einer zum Stichtag hinterlegten Bürgschaft in Höhe von 25.000 EUR vorausgesetzt. Zur DEL 2-Premierensaison verweigerte der LEV NRW dem Oberligameister und sportlichen Aufsteiger zwar EC Bad Nauheim zuerst die Freigabe, nach einem langem Sommer, mit viel Zank durften die „Roten Teufel“ letztendlich doch noch aufsteigen und sind seitdem zweitklassig.

Die Saison 2014/15 sah eine Aufstockung der DEL2 auf 14 Mannschaften vor. In der ausgespielten Qualifikationsrunde mit den beiden Letzten der DEL2, den beiden Finalisten der Oberliga und den Siegern des komplizierten Verzahnungsmodus zwischen den Oberligen Nord, West und Ost, setzten sich die Frankfurter Löwen und die Kassel Huskies durch. Da sich die beiden DEL 2 Teams Kaufbeuren und Crimmitschau den Klassenerhalt in der Qualifikationsrunde sicherten, gab es keine Mannschaft, die den Gang von der DEL 2 in die Oberliga antreten musste.

Nachdem sich die DEL 2 in puncto Sollstärke mit 14 Teilnehmern an die DEL anglich, sehen die Durchführungsbestimmungen als sportlichen Absteiger den Verlierer der Play-downs vor.  Aber das deutsche Eishockey wäre nicht das deutsche Eishockey, wenn sich nicht im Sommer die eine oder andere Gelegenheit ergeben würde, den Gang in die nächsttiefere Spielklasse zu vermeiden. Für den Fall der Fälle finden sich entsprechende Regeln in jeder x-beliebigen Durchführungsbestimmung. Als nach der Saison 2014/15 der EV Landshut aufgrund seiner finanziellen Situation keine Lizenz mehr erhielt, durfte der sportliche Absteiger, die Heilbronner Falken, in der DEL 2 bleiben. Eine Saison später rückte Bremerhaven bekanntlich für die Hamburg Freezers in die DEL auf. Nutznießer war wieder einmal der sportliche Absteiger. Der kam wie im Vorjahr aus Heilbronn.

Drei Jahre, ein Absteiger
Die Saison 2016/17 müsste eigentlich als Meilenstein in die DEL 2-Geschichte eingehen, da zum ersten Mal der sportlichen Absteiger auch den Gang in die Oberliga antreten musste. Zwar hofften die Betroffenen bis zum Ende auf ein neues Sommermärchen a la Heilbronn. Aber: der sportliche Absteiger Star Bulls Rosenheim musste als erstes DEL 2-Team überhaupt runter – nach drei Jahren gab es den ersten tatsächlichen Absteiger. So sieht eine also vermeintlich funktionierende Auf- und Abstiegsregel aus.

Es ist schon Ironie des Schicksals, dass es seitdem keinen Lizenzentzug, keine Insolvenz oder keinen weiteren Dominoeffekt im Ligensystem gab und es scheint, als würden in der aktuellen Spielzeit die sportlichen Absteiger ebenfalls wieder absteigen müssen. Derzeit stehen sich in den DEL 2 Play-downs die einstiegen Aufsteiger aus Bayreuth und Bad Tölz gegenüber. Sollte es keine Überraschungen geben, muss der Verlierer wohl oder übel den Gang in die Oberliga antreten. Es sei denn, dass im Mai dem Einen oder Anderen Team keine Lizenz erteilt wird. Die Heilbronner Falken lassen grüßen.

Der steinige Weg zu Oberliga Nord und Süd
Halten wir fest: Einen wirklichen Absteiger dürfen die Oberligen nur selten begrüßen. Und eigentlich ist schon verwunderlich, dass es in den vergangenen Jahren so konstant mit dem Aufstieg klappte. Haben die dritten Ligen doch einen rasanten Umbau der Ligenstruktur und Wettbewerbsmodalitäten hinter sich. Vor der Oberliga-Reform zur Saison 2015/16 oblag der Spielbetrieb der Oberligen entweder bei einem Landeseissportverband (LEV) oder direkt beim DEB. Durch verschiedene Interessen dieser Akteure änderten sich annähernd zu jeder Saison die Aufstiegmodi. Die Liste der Gründe, warum eine nachhaltige Verzahnung scheiterte ist lang. Mal scheute der sportliche Aufsteiger die höheren Kosten, die ein Aufstieg mit sich brachte, mal erfüllten Teams nicht die Voraussetzungen oder einer der drei partizipierenden Verbände hatte Sorgen. So schaffte der EHC Freiburg 2015 als letzter sportlicher Aufsteiger vor der Oberliga-Reform den Gang in die DEL2.


Seit der genannten Reform (nur noch zwei Ligen, geteilt in Nord und Süd) obliegt die Durchführung beider seitdem existierenden Oberligastaffeln einzig beim DEB. Seine Statuten sehen das Aufstiegsrecht für das bestplatzierteste deutsche Team vor. Damit dieses Team den Gang in die Zweitklassigkeit vollziehen kann, muss es, wie auch jeder andere Aufstiegsinteressent, bis zu einem Stichtag seine Lizenzierungsunterlagen einreichen und eine Bürgschaft in Höhe von 25.000 EUR bei der DEL 2 hinterlegen. So konnten mit Bayreuth (2016) und Bad Tölz (2017) jeweils der Vize-Meister aufsteigen – der Meister dieser Jahre aus dem niederländischen Tilburg darf bekanntlich (noch) nicht aufsteigen. Der DEB verlangt von jedem Team, das in der Oberliga spielen möchte, mindestens drei eigene Nachwuchsmannschaften und gemäß Art. 61 SpO in den sog. “Reindl-Pool” zu Nachwuchsförderung einzuzahlen. Der jeweils zu zahlende Betrag ist kriterienabhängig. Am Saisonende wird der Inhalt dieses Pools unter den Klubs der DEL 2 und Oberliga anhand eines Verteilungsschlüssels ausbezahlt.

Aufstiegshemmnis Nachwuchsförderung

In der aktuellen Saison haben 9 von 16 Play-off-Teilnehmern rechtzeitig ihr Aufstiegsinteresse im Neusser DEL 2-Ligenbüro hinterlegt. Nach jetzigem Stand haben die Halbfinalisten Hannover Scorpions, Deggendorfer SC und der VER Selb Aufstiegschancen. Alle haben eine Lizenz beantragt – Tilburg ist weiterhin raus aus dem Rennen.

Und damit verlassen wir auch schon den Pfad der einzig halbwegs funktionierenden Regelung im deutschen Eishockey. Unterhalb der Oberliga fällt der Auf- und Abstieg schon wieder in schöner Verlässlichkeit aus. Den Regelungen des DEB nach, wären eigentlich die jeweiligen Meister der Regionalligen West, Nord und Ost sportlich für die Oberliga Nord qualifiziert. Allerdings fand sich in den letzten drei Jahren keine Mannschaft dieser Staffeln, die den Gang in die Oberliga Nord antreten wollte. So verzichteten die West-Teams schon im Vorfeld auf ihr Aufstiegsrecht, die Teams aus dem Norden und Osten sagten mangels Aufstiegsinteresse, Terminschwierigkeiten oder anderen Gründen die Verzahnungsrunden mit dem schlechtesten des Nordens ab. Der DEB reagierte und änderte den Art. 61 seiner Spielordnung so ab, dass ein Oberliganeuling erst ab dem zweitem Oberligajahr (also nach Klassenerhalt) in den “Reindl-Pool” einzahlen und die geforderte Anzahl an Jugendteams stellen muss. Doch auch dieses Eingeständnis des DEB an die Regionalligisten brachte bisher nicht den gewünschten Erfolg. Kein Regionalliga-Club möchte hoch.

Lieber “Unten oben” als “Oben unten”

Zwar verfügen manche Regionalliga-Standorte durchaus über oberligataugliche Hallen, oder teilweise auch über eine gewisse Eishockeytradition. Manche haben in ihrer Historie bereits mehrere Insolvenzen und Neugründungen erfolgreich gemeistert. Daher scheuen sie bei bereits schon sehr knappem Budget, die hohen Kosten einer Oberligamannschaft und gestiegene Verbandsabgaben. Weiterhin muss man wissen, dass für manche Regionalligisten die sportliche Herausforderung Oberliga Nord mehrere Nummern zu groß ist. Bevor diese Teams in der Oberliga Kanonenfutter wären, spielen sie doch lieber “Unten oben” als “Oben unten”. Jedes Spiel zweistellig zu verlieren ist nicht gerade stimmungsfördernd. Nicht selten sind Regionalligaspieler Amateure und Hobbyspieler, die nach Feierabend ihrem Hobby nachgehen. Diese gibt es in der Oberliga natürlich auch, aber in geringer Anzahl. Bei manch ambitionierter Oberligamannschaft sucht man dagegen Amateure und Hobbyspieler vergeblich.

Diese Situation ist mehr als problematisch, gab es in beiden bisherigen Oberliga-Nord-Spielzeiten gab es nach Saisonende Rückzüge, Abstiege und Fusionen und somit Platz und eigentlich Notwendigkeiten für Aufsteiger. Nach der Premierensaison wurde die Oberliga um zwei Mannschaften auf ihre Soll-Stärke mit 16 Mannschaften verkleinert. Nach der Insolvenz von Neuwied konnte FASS Berlin mangels interessierten Regionalligisten in der Oberliga bleiben. Einzig der Hamburger SV stieg ab. Nach der Saison 2016/17 fusionierten die Skorpione aus Hannover und Wedemark. Der sportliche Absteiger FASS Berlin hätte aufgrund mangelnder Aufstieginteressenten in der Oberliga bleiben dürfen, zog sich aufgrund „Sparzwangs“ aber in die Regionalliga Ost zurück.

Für die Saison 2018/19 sehen die Durchführungsbestimmungen der Oberliga-Nord eine Wiedererlangung der Sollstärke von 16 Mannschaften vor. Der Nord-Meister, die Hobbyspieler der Bremer Weser Stars, verzichteten ebenso auf den Aufstieg wie der Herforder EV im Westen. Der Tornado Niesky, der Ost-Meister der Jahre 2016, 2017 und 2018,will auch nicht hoch. Zwar verfügen die Nieskyer nach einer Zeit im Exil über eine neue überdachte Halle, sehen sich aber nicht in der Lage in einem möglichen zweiten Oberligajahr die genannte Anzahl an Nachwuchsteams zu stellen. Damit darf der sportliche Absteiger, die Harzer Falken, in der Oberliga bleiben. Da auch keine aussichtsreichen Nachrücker in die Oberliga Nord zu finden sind, kann davon ausgegangen werden, dass die Oberliga Nord in der kommenden Saison wieder mit 14 starten wird.

Bayern unter sich: Die Oberliga Süd

Auch die Oberliga Süd war in den vergangenen Jahren durch Rückzüge und Aufstiegsverzichte geplagt. Immer wieder wurde die Soll-Stärke von zwölf Mannschaften verpasst. Nachdem 2015 der EHC Freiburg in die DEL 2 aufstieg, Erding sich zurückzog, Füssen Insolvenz anmeldete, der Bayerliga-Meister Lindau auf die Oberliga verzichtete, der EHV Schönheide von Ost nach Süd umgruppiert wurde und letztendlich der Regionalliga Süd-West Meister EHC Eisbären Heilbronn die Voraussetzungen nicht erfüllte, startete die Saison 2015/16 mit elf Mannschaften. Die Play-offs wurden ab der zweiten Runde mit dem Norden verzahnt. Der Plan zur Spielzeit 16/17 wieder mit zwölf Mannschaften zu spielen erübrigte sich.

Als die Heilbronner Falken als Folge des Freezers-Rückzuges 2016 nicht in die Oberliga Süd abstiegen, zusätzlich der EHC Bayreuth als Oberliga Vize-Meister in die DEL 2 aufstieg und der EHC Klostersee sich zurückzog, drohte nach der Saison 2011/12 wieder eine Spielzeit mit neun Teams. Schließlich einigten sich der DEB als Veranstalter der Oberliga und der für die Bayernliga zuständige BEV darüber, dass der EHC Waldkraiburg, der EV Lindau und der Höchstädter EC in die Oberliga Süd aufsteigen. Zusätzlich wurde ab der Saison 2016/17 eine Verzahnungsrunde zwischen den Oberliga Hauptrundenplätzen 9-12 sowie den besten acht Mannschaften der Bayernliga vereinbart. In einer anschließenden Play-off-Runde sind die Halbfinalisten für die nachfolgende Oberliga Süd Saison qualifiziert.

Somit können theoretisch vier Bayernligisten pro Jahr in die Oberliga Süd aufsteigen. Die jeweiligen Meister der Regionalliga Süd-West besitzen den Statuten nach ein Aufstiegsrecht in die Oberliga Süd, verzichten aber jedes Jahr. Die Gründe hierfür dürften ähnliche sein wie bei den Regionalligisten aus dem Norden oder Westen oder Osten. Schließlich müssen die Teams im Süden auch Nachwuchsteams nachweisen und nach einem Jahr in den “Reindl-Pool” einzahlen – auch hier eine hohe Hürde.

Praktisch gibt es keinen geregelten Auf- und Abstieg

Eine geregelte Auf- und Abstiegsregelung sehen die entsprechenden Durchführungsbestimmungen meist vor, doch in der Praxis ist es anders. Allein der Blick in die nahe Vergangenheit zeigt, dass Auf- und Abstieg in den ersten drei deutschen Eishockeyligen eigentlich gar nicht richtig funktioniert. Lassen wir Folgen von Rückzügen oder Lizenzentzügen als Sonderfälle einmal außen vor, funktioniert der Auf- und Abstieg lediglich zwischen DEL 2 und Oberliga sowie seit knapp zwei Jahren zwischen Oberliga Süd und Bayernliga. Aber in den Ligen unterhalb der dritthöchsten Eishockeyliga stellen sich nach Saisonende oft die gleichen Fragen. Nach dem Geld, der sportlichen Situation und die Lust auf ein eventuell sehr riskantes Abenteuer. Stabil sieht anders aus.

Mehr zum aktuellen Versuch der DEL 2, wieder einen Aufstieg in die DEL möglich zu machen, in unserem aktuellen Podcast:

Foto: Elmar Jason, veröffentlicht unter Creative Commons

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