Das bisschen Aufmerksamkeit

Bernd Schwickerath

Von Donnerstag an (04.04.2019) streiten sich in Finnland zehn Teams um den WM-Titel im Frauen-Eishockey. Obwohl es streng genommen nur zwei sind: Kanada und die USA, die beiden Teams, die seit Jahrzehnten alles dominieren.

Von Donnerstag an (04.04.2019) streiten sich in Finnland zehn Teams um den WM-Titel im Frauen-Eishockey. Obwohl es streng genommen nur zwei sind: Kanada und die USA, die beiden Teams, die seit Jahrzehnten alles dominieren.

Seit 1990 wird die WM ausgespielt, und es gab noch nie ein anderes Finale als Kanada gegen die USA. Zunächst jubelten meist die Frauen, die nördlich der Landesgrenze geboren wurden und neun der ersten zehn Titel holten, nach der Jahrtausendwende änderten sich die Machtverhältnisse langsam, acht der jüngsten zehn Titel gingen an die Vereinigten Staaten.

Christian Künast
(Foto: DEB/City-Press GbR)

Auch die deutsche Mannschaft ist in Espoo dabei, sie hat ihr Auftaktspiel gegen Schweden mit 2:1 gewonnen. Und dass man das live per Stream verfolgen konnte, feierten sie in den vergangenen Tagen schon als Meilenstein: “Ich hoffe auf eine Meinungsbildung der Eishockeyfans – nachdem – sie ein Frauenspiel auf nationalem Topniveau gesehen haben. Fraueneishockey hat sich weltweit enorm weiterentwickelt und mehr Aufmerksamkeit sowie Akzeptanz verdient”, wird Rekordnationalspielerin Andrea Lanzl in einer Mitteilung des Deutschen Eishockey Bundes zitiert. DEB-Präsident Franz Reindl wähnt Frauen-Eishockey in derselben Mitteilung “auf dem Vormarsch”. Falsch ist das sicher nicht, in den vergangenen Jahren hat sich der Sport wirklich enorm entwickelt. Wer WM- oder Olympia-Spiele sieht, vor allem zwischen den Topteams, freut sich über richtig gutes Eishockey. Schnell, hart, taktisch und technisch sehr sauber.

Klassenerhalt ist das Ziel

Vom Topniveau der Nordamerikanerinnen ist die deutsche Mannschaft weit entfernt. Zwar hat auch sie sich entwickelt und kam bei der vergangenen WM 2017 sogar ins Halbfinale. Dort gab es dann aber ein 0:11 gegen die USA – was die Leistungsunterschiede selbst innerhalb der erweiterten Spitze doch recht deutlich zeigt. Nicht umsonst gibt es bei großen Turnieren zwei Gruppen, die nach Spielstärke aufgeteilt sind. Nur aus der schwächen mit Deutschland, Japan, Schweden, Tschechien und Frankreich kann man absteigen. Die ersten Drei der Gruppe qualifizieren sich für das Viertelfinale, aus der oberen mit den Topteams aus Kanada und den USA sowie Finnland, Russland und der Schweiz sind automatisch dabei. Unfair? Eher ein Akzeptieren der Realitäten. Wem bringt ein 25:0 von Kanada gegen Frankreich etwas?

Die DEB-Auswahl ist also trotz ihres starken Turniers 2017 in der schwächeren Gruppe zu finden. Vielleicht war der vierte Platz auch nur ein positiver Ausrutscher, 2018 reichte es nicht mal mehr für die Olympia-Qualifikation. Deswegen geht es nun recht defensiv an das Turnier in Finnland. Es gehe nur um den Klassenerhalt, sagt Bundestrainer Christian Künast dem “Tagesspiegel”. Künast, Schwager und Assistent des ehemaligen Männer-Trainers Marco Sturm, ist neu auf dem Posten, er löste zu Jahresbeginn Benjamin Hinterstocker ab. Vor allem ist er neu im Frauen-Eishockey. Er hat dort noch nie trainiert und sagt offen, dass er nicht so viel über die Sportart weiß.

Die Verpflichtung kam deswegen nicht überall gut an. Denn eigentlich braucht es schon ein wenig Erfahrung im Frauen-Eishockey, um plötzlich auf höchstem Niveau ein Team zu coachen. Allen positiven Entwicklungen der vergangenen Jahre zum Trotz, ist der Sport meilenweit davon entfernt, sich mit Männer-Eishockey vergleichen zu können. Wer mit Trainerinnen und Trainern aus der Bundesliga spricht, die beides erlebten, erfährt schnell, wie unterschiedlich die Anforderungen sind. Vor allem taktischer Natur, weil das Spiel (zumindest in der Bundesliga) durch die selteneren Checks, das langsamere Tempo und die fast gänzlich fehlenden Schlagschüsse ein ganz anderes ist.

Ein Zuschussgeschäft ohne Zuschauer

Das gilt umso mehr für das Drumherum. Die Bundesliga sei eine “semiprofessionelle Veranstaltung”, sagte uns die damalige DEG-Trainerin Miriam Thimm im Interview für unseren Podcast. Es wird zwar viel trainiert und mit modernen Methoden analysiert, aber für die meisten Spielerinnen ist der Sport selbst auf höchstem Niveau nicht mehr als ein zeitaufwendiges Hobby. In der Regel sind sie Studentinnen, in der Ausbildung oder bereits richtig im Beruf. Kaum jemand verdient Geld, weil kaum Geld reinkommt. Es gibt nur wenige Zuschauer und Sponsoren, und wenn schon die Männer über zu wenig mediale Aufmerksamkeit meckern, was sollen erst die Frauen sagen? Nun bei der WM werden erstmals alle Spiele gestreamt, das ist ein Fortschritt, weiß aber auch niemand außerhalb der ganz kleinen Blase.

Die erste Liga hält sich dennoch seit einigen Jahren als bundesweite Liga mit acht Teams aus Berlin, Niedersachsen, NRW, Baden-Württemberg und Bayern – was zu hohen Fahrt- und teilweise gar Übernachtungskosten führt. Bei der DEG lassen sie sich eine Bundesligasaison zwischen 30.000 und 40.000 Euro kosten. Für die Spielerinnen bleibt da nichts übrig, es befreit sie nicht mal davon, einen Teil ihrer Ausrüstung selbst zu zahlen. “Die Spielerinnen bekommen von uns Helm, Hose, Handschuhe und Team-Jacke, den Rest zahlen sie selbst”, sagt DEG-Präsident Michael Staade. Bei etablierteren Teams ist das anders, aber auch dort wird niemand reich.

Die DEL-Standorte entdecken das Frauen-Eishockey

Den Titel machten in den vergangenen Jahren immer der ESC Planegg/Würmtal und der ECDC Memmingen unter sich aus – und dennoch ist eine Entwicklung zu beobachten, die der Frauen-Fußball vor einigen Jahren bereits erlebte: Große Klubs aus dem Männerbereich drängen in die Bundesliga. “Die Proficlubs bieten Infrastruktur, Trainer und Ausstattung”, sagt Marie-Luise Klein, Professorin für Sportmanagement und Sportsoziologie an der Ruhr-Universität Bochum. Klein beschäftigt sich seit Jahren mit “Vermarktungspotenzialen im Frauenteamsport”.

Mittlerweile sind der ERC Ingolstadt, die Eisbären Berlin und die DEG dabei, die Kölner Haie übernahmen die Cologne Brownies und spielen in der 2. Liga. Ingolstadt und Berlin stellen auch bereits einige Nationalspielerinnen für den aktuellen 23er-Kader. Ebenfalls vertreten: drei Spielerinnen von nordamerikanischen Teams. Wie bei den Männern kann es sich mittlerweile auch für Frauen lohnen, für Eishockey über den Atlantik zu fliegen. Universitäten vergeben Stipendien, und hinterher könnte sogar eine Karriere in einer Profiliga locken.

Kanadische Frauenliga wird eingestellt

Von denen gibt es seit dem vergangenen Sonntag allerdings nur noch eine: Da verkündete die kanadische CWHL nach zwölf Jahren überraschend ihr Ende. Was für manche Spielerinnen ein Schock war. Sie erfuhren es nur durch die Medien, während sie sich bereits in Finnland auf die WM vorbereiteten. Ähnlich ging es denen, die zu Hause geblieben sind: „Wir wussten von nichts“, sagt Markhams Torhüterin Liz Knox. Know ist gleichzeitig Vizechefin der Spielergewerkschaft und erzählte, dass sich die Teams aus Kanada und den USA in Finnland bereits zusammengesetzt und die Zukunft besprochen hätten.

Für viele ist derzeit völlig unklar, wo sie nächstes Jahr arbeiten. Die Hoffnung ist, dass es neue Arbeitsplätze in der NWHL geben wird. Die US-Liga wurde 2015 gegründet und hat sich seitdem gut entwickelt. Nach dem Start mit vier Teams aus Boston, Buffalo, Stamford (Connecticut) und New Jersey gab es 2018 bereits die erste Erweiterung: Ein Team aus Minnesota kam hinzu, das gleich den Titel gewann.


Nun soll die Liga weiter wachsen, gleich nach dem Aus der CWHL gab die NWHL bekannt, nach Kanada zu expandieren und Teams in Montreal und Toronto zu gründen. Noch ist unklar, ob es neue Teams werden oder die alten aus der CWHL. Fest steht aber, dass sich die NWHL aufmacht, die einzige große Liga für Frauen-Eishockey zu werden.

Eine nordamerikanische Profiliga?

Das hatten viele Spielerinnen schon vor Jahren gefordert, es sollen sogar Streiks diskutiert worden sein, damit das endlich passiert. Mit Arbeitskämpfen kennen sich vor allem die US-Amerikanerinnen aus, die kurz vor der Heim-WM 2017 für bessere Gehälter streikten – und gewannen. In Sachen Fusion ist allerdings nie etwas passiert, weil sich die beiden Ligen nicht gerade freundschaftlich gegenüberstanden.

Anderseits wird gemunkelt, die CWHL habe aus kühler Berechnung aufgegeben, damit die NWHL ernst machen kann. Im Gegensatz zu der war die kanadische Liga lange Zeit eine Nonprofit-Organisation, erst als Teams aus China mit Blick auf die Olympischen Spiele 2022 in Peking dazukamen, wurde Geld gezahlt, zwischen 2000 und 10.000 Dollar pro Spielerin und Saison. Das lockte selbst US-amerikanische Topstars wie Hillary Knight an, die die CWHL einst verlassen hatten, um in der neuen Liga in der alten Heimat zu spielen, nun kamen sie zurück. Trotzdem ist jetzt Ende mit der kanadischen Liga.

Das könnte allerdings über Umwege dennoch ein großer Schritt werden für das internationale Frauen-Eishockey. Viele erhoffen sich, dass die NHL endlich einsteigt. Dass sie eine große Liga mit zahlreichen Teams gründet, die auch für die besten europäischen Spielerinnen interessant wäre. Andere Sportarten machen es vor: 1996 gründete die NBA die WNBA und hat Erfolg damit.

Die NHL sträubte sich lange gegen ein ähnliches Modell, meist war zu vernehmen, dass sie kein echtes Interesse am Fraueneishockey habe, so lange sie sich mit zwei Ligen herumschlagen müsse. Also beschränken sie sich auf ein paar Überweisungen: 50.000 Dollar pro Jahr gab sie an beide Ligen. Und selbst jetzt, wo es nur noch eine gibt, sagt NHL-Vize Bill Daly, dass er und seine Kollegen nicht planten, die Organisation zu übernehmen, so lange es eine funktionierende Liga gibt.

Trotzdem traf sich NWHL-Chefin Dani Rylan dieser Tage mit ihrem Gegenüber Gary Bettman. Herauskam, dass die NHL ihre Förderung zumindest nicht zurückfährt, stattdessen bekommt die NWHL die kompletten 100.000 Dollar. Der Mindestlohn soll dadurch auf 2500 Dollar pro Spielerin steigen. Und die NHL darf sich als größter Sponsor der Frauenliga bezeichnen – was für ein Unternehmen mit knapp 4,5 Milliarden Dollar Umsatz dennoch ein schlechter Witz ist.

Der Traum vom Einstieg der NHL

Es mehren sich die Stimmen, die NHL müsste viel größer ins Frauen-Eishockey einsteigen, gerade jetzt, wo die eigentlichen Stars bei der Skills Competition des Allstar-Games Anfang des Jahres die Frauen waren. Für das langweilige Spiel ohne Defensive interessiert sich ja kaum noch jemand. Umso größer waren die Schlagzeilen, als Kendall Coyne Schofield (Minnesota) beim Sprint nur etwas langsamer als große Namen bei den Herren war und Clayton Keller (Arizona) hinter sich ließ. Brianna Decker (Calgary) war bei der Passübung sogar drei Sekunden schneller als der Sieger bei den Männern: Leon Draisasitl (Edmonton). Selten bekamen die Frauen so viel Respekt für ihre Leistungen wie in den Tagen danach.

Natürlich wäre es dennoch schwierig, aus einer von der NHL geführten Frauen-Liga direkten Profit zu schlagen. Die Teams der aktuellen NWHL spielen in kleinen Hallen mit nur wenigen tausend Plätzen, sie verkaufen kaum Fanartikel (auch wenn die Logos teilweise großartig aussehen) und haben auch keinen echten TV-Deal – manche Spiele werden live und kostenlos bei Twitter übertragen. Und aktuell geht niemand davon aus, dass eine Fraueneishockey-Liga dauerhaft 20.000er-Hallen füllen oder Millionen vor die Bildschirme locken kann.

Viel Bewegung in die richtige Richtung

Langfristig könnte sich das Engagement für die NHL dennoch lohnen: Jedes Mädchen, das deswegen mit Eishockey beginnt, ist dem Sport erst mal zugetan. Natürlich wird es nicht jede Achtjährige in die Profiliga schaffen, aber ein Großteil dürfte zumindest Fan bleiben und sich dann zwangsläufig auch für die NHL interessieren. Ganze Generationen von Mädchen und Frauen könnten gewonnen werden. Zudem wären die Investitionen überschaubar. Die meisten Teams könnten die Infrastruktur der Männer aus derselben Region oder Stadt nutzen: Vermarktung und Medien, Training und Analyse, Hallen und Fanbase. Vielleicht gründen einige NHL-Franchises ja gleich eigene Frauen-Teams, beim Allstar-Game könnte noch viel mehr passieren, auch beim Winter Classic: Warum nicht einen Tag vor dem großen NHL-Spiel einfach die Frauen derselben Klubs oder zumindest aus denselben Städten spielen lassen?

Es ist viel Bewegung im Frauen-Eishockey, und wir erleben gerade erst den Anfang einer Entwicklung. Es wird Zeit, dass die NHL anfängt zu investieren. Und dass den besten Spielerinnen der Welt endlich die Möglichkeit gegeben wird, von ihrem Sport zu leben. Das würde den Sport in allen Nationen besser machen. Und damit auch Olympia und WM. Kanada und die USA dürfen die Titel trotzdem gern weiter unter sich ausmachen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Next Post

Der Social-Media-Atlas der DEL

Für die DEL-Vereine sind die Social-Media Kanäle vielleicht wichtiger als für den Fußball. Wegen der geringeren Medienpräsenz sind die eigenen Accounts ein wichtiger Weg, Informationen an die Fans zu bekommen.