Boxen für die Echokammer

In der DEL feiert Ingolstadt einen Fight. Was für eine dumme PR-Idee.

Fight zwischen Colton Jobke und Steve Pinizotto (Fot: Red Bull media)

Wir schreiben die 29. Minute zwischen dem EHC München und dem ERC Ingolstadt. Simon Schütz wird vom Münchener Andrew Bodnarchak unsanft in Richtung Bande befördert, Schützt schlägt aus einem Meter Entfernung mit dem Kopf ein. Ein übler, dummer Check, der mit einer Spieldauer-Disziplinarstrafe belegt wird. (Aber leider nicht zu einer weiteren Sperre führt.)

Dämiches Promo-Video eines unnötigen Fights

Unmittelbar nach dem Check passiert das, was das Herzen jedes archaischen Freundes vergangener Hockey-Tage höher schlagen lässt. Statt auf das Strafmaß der Schiedsrichter zu warten, geht ERC-Verteidiger Colton Jobke auf Bodnarchak los und prügelt ihn zu Boden. Das Publikum johlt, der Check ist gesühnt, das Mittelalter hat obsiegt. Der ERC Ingolstadt (der Club, mit dem Bock auf November-Militär) feiert den Fight auf seinem Social-Media-Kanal.

Und da klingeln meine Weihnachtskugeln. Wer jetzt sachliche und differenzierte Worte gegen diesen Prügel-Schmarn erwartet, möge zu Bernd Schwickeraths Buch über die NHL greifen, und nachlesen, warum diese Boxereien für die Spieler weitreichende Folgen haben können und auch dem Spiel an sich nichts mehr bringen.

Nicht genug schöne Spielszenen?

Nein, hier geht es jetzt um all die Dummheiten, mit denen diese Fights immer wieder glorreich gefeiert werden. Fangen wir mal stellvertretend mit dem ERC Ingolstadt an. Mir ist es ein Rätsel, wie man einen solchen Fight als herausragendes Element eines Spiels promoten kann? Ist das die Art und Weise, mit der ihr Leute für Euren Sport begeistern wollt? Reicht das an sich begeisternde 4:5 gegen München nicht? Habt Ihr keine schönen Tore oder Pässe zu zeigen?

Eishockey ist soviel schneller, athletischer und auch technischer geworden. Die Zeiten der Fights sind längst vorbei. Neue Zuschauergruppen erschließt man so auf jeden Fall nicht. Inzwischen bekommen kritische Äußerungen auf den Promo-Tweet mehr Zustimmung als das Video der Hinterwäldler-Boxerei selber.

Schaut zur U20-Weltmeisterschaft!

Und was ist mit denen, die den Kritikern ein beherztes „War doch immer so und gehört zum Sport“ entgegnen? Genau die werden ja bedient. Nur die waren schon immer da, und kommen auch ohne Boxereien noch ins Stadion. Wenn man so will, bedienen Fights auf dem Eis nur die eigene Filterbubble. Die Echokammer, die in den üblen Zeiten der frühen DEL-Jahre nichts schlimmes findet und der das Bier wichtiger ist, als ein schöner Direktpass zum Tor. (Wie ihn Tim Stützle bei der U20-WM zum 1:0 gegen die USA spielte.)

Überhaupt die U20-Weltmeisterschaft. Wer nur ein paar Spiele geschaut hat, der wird schnell merken, worum es beim Klassentreffen der weltbesten Talente geht: Um das Spiel an sich. Um Skills, um Pässe um Taktik und Technik. Und ja, auch um sehr schöne Tore. Ein Gonzo-Acolatse-Fight auf dieser Bühne hätte was von seriösen Inevstoren-Aliens, die mit ihren Ufos in Krefeld landeten. Sprich: Die nachwachsende Generation braucht keine Goons mehr, die sie vermeintlich schützen.

Fights sind sportlich ohne Relevanz

Weil sich eben keiner mehr erlauben kann, eine dritte oder vierte Reihe aufs Eis zu schicken, die zwar Boxen kann, aber zu blöd ist, den Schläger zu halten. Das rächt sich sportlich. Eishockey ist – auch in Deutschland – soviel besser geworden, dass sich mit einem Faustkampf keine Meisterschaften mehr holen lassen. Früher war das mal anders.

Und deshalb gehören die Fights nicht mehr dazu. Zumindest nicht mehr in der PR für die Sportart. Es ist fast schon ein Treppenwitz, dass zahlreiche Top-10 des DEL-Fernsehpartners Telekom nicht ohne Fights auskommen. Gerade die Telekom sollte darum bemüht sein, ihr Konstrukt Magenta TV auch neuen Nutzerkreisen schmackhaft zu machen. Mit Faustkämpfen holt man jedoch sicher keine neuen Abos. In der Liga-Zentrale gibt es kaum einen, der es gut findet, wenn statt eines schönen Peterka-Treffers die Faust eines schlechten Skaters eine Hauptrolle in den Spieltagshöhepunkten findet. Hinter vorgehaltener Hand wird einem stets der Ärger über die Top-10 bestätigt.

Neue Nutzer erschließen, statt die Alten zu umgarnen

Die Message ist nämlich eindeutig: Reicht es nicht für zehn schöne Tore, Paraden oder Vorlagen hat man offenbar ein Qualitätsproblem. Oder man steht auf archaisches Gehabe, dass auch mehr und mehr der NHL peinlich wird. In dem Unterhaltungs-Markt Nordamerika hat man nämlich erkannt, dass die Zielgruppe eigentlich nur noch aus weißen, mindestens mittelalten Mittelklassetypen besteht. Neue Leute, die nicht so auf den Selbstjustiz-Scheiß von pseudoharten Kerlen stehen, kriegt man mit „Good-old-Hockey“ nicht. Die sind alle längst zur NBA gerannt und füllen die Taschen der Basketball-Teams.

Also: Hört mir auf mit diesem Gelaber von „Teil des Spiels“. Einst gehörte es auch dazu, ohne Helm und Torwartmaske zu spielen. Aus heutiger Sicht eine ziemlich blöde Idee. Aber nicht nur aus Gesundheitsgründen sind Fights auf dem Eis deshalb maximal zu ächten. (Wie gesagt: Lest dazu Bernd Schwickeraths Buch). Eben auch aus Marketing-Gründen. Die paar Boxereien, die es noch gibt, sind halt keine besonders gute Werbung. Es sei denn, man will in seiner Echokammer verharren. Aber dann sollte sich das Eishockey nicht wundern, wenn da mehrheitlich nur noch so komische Typen auf den Rängen rumhängen, die nicht mit der Zeit gehen. Und die – das ist kein Geheimnis – gehen halt auch mit der Zeit. Und damit ginge dann auch die potentielle Massenattraktivität des Eishockeys.

One thought on “Boxen für die Echokammer

  1. Hallo zusammen,

    mal drei Gedanken von mir dazu:

    1. …„Schütz schlägt aus einem Meter Entfernung mit dem Kopf ein. Ein übler, dummer Check, der mit einer Spieldauer-Disziplinarstrafe belegt wird. (Aber leider nicht zu einer weiteren Sperre führt.)“…. mir persönlich hat dieser Check nicht gefallen, brauch ich nicht. Dennoch muss man festhalten, dass man darüber diskutieren kann. Der Check war heftig, aber aus meiner Sicht kein Late Hit, spät aber noch in der Spielsituation.

    2. Fights: Ich akzeptiere hier jede Meinung, auch die „Geschmäcker“ sind verschieden. Ich verstehe aber nicht, warum hier immer so ein Aufriss darum gemacht wird…!? Fights gehören zum Eishockey dazu, manchmal müssen Sie auch sein. In den allermeisten Fällen schauen sich die Spieler in die Augen und nehmen den Fight dann an, fair – besser als ein dreckiges Faul. Die DEL ist weit weg von einer Prügel-Liga, Fights sind im Gegensatz zu früher deutlich, deutlich weniger geworden (ich gehe schon seit über 25 Jahren zum Eishockey). Ich brauche auch nicht jedes Spiel eine Rauferei und wenn es innerhalb der Saison bei der „eigenen“ Mannschaft vielleicht 3-5 mal passiert, dann ist es halt so und finde ich auch nicht schlimm, meistens ist dann mal „Feuer“ in der Bude. … Ich bin auch der Meinung, dass ein technisch schönes, athletisches Spiel mit schönen Toren usw. im Eishockey auch mal schnell langweilig werden kann, gerade für den Nicht-Eishockey-Fan/allg. Sportinteressierten…, da wuseln halt 12 Spieler am Eis rauf und runter, man sieht den Puck nicht und auf den Rängen ist auch nicht viel los. Die Stärke von Eishockey sind die emotionalen, harten Spiele und das gepaart mit guter Technik, Athletik, tollen Pässen, Kombinationen und Toren sind die perfekte Mischung. …aber bei diesen Spielen kann es dann eben auch mal zum einem Fight oder zu harten Check kommen. Wie in jeder Sportart, auch im Fußball gibt es harte Fouls bei hitzigen Spielen, diese wird es auch immer geben…. Ich glaube nicht, dass man nur mit einem schönem, schnellen Spiel, fast ohne Körper usw. im Eishockey viele neue Fans begeistern kann, sondern mit Emotionen – mit allem was dazu gehört! (Das geschriebene deckt sich auch mit meinen Erfahrungen die ich gemacht habe, wenn ich mal nicht Eishockey-Fans/Interessierte mit ins Stadion genommen habe). Jeder verbindet mit Eishockey, einen schnellen actionreichen und teils auch harten Sport.

    3. Ob man das promoten muss, weis ich nicht. Ich habe zumindest ganz und gar nicht den Eindruck, dass die DEL, die Clubs und Magenta Werbung und Promo mit Gewalt und Fights etc. machen. Und wenn es einen guten Fight gibt und der von Magenta mal in den TOP 10 landet, verstehe ich nicht was daran so schlimm ist. Ich glaube nicht, wenn sich z.B. ein Basketballfan drei mal die Top Ten anschaut und von den 30 Szenen ein Fight da dabei ist sagt – was für ein abartig brutaler Sport, dass werde ich mir nie mehr anschauen. Ganz neutral betrachtet haben meines Wissens Fights auf der Facebook-Seite von Magenta die meisten Klicks, darüber kann man denken was man will, aber da es um Klickzahlen und darum macht es Magenta wahrscheinlich auch.Für mich wiegt es viel positiver das es immer mehr Formate wie z.B. „Goldies N.ice“ gibt, als mir Gedanken über ein gelegentlich Fights-Video zu machen.

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