#BlackLivesMatter und die NHL

Bernd Schwickerath

Warum sich die NHL mit der BLM-Bewegung schwer getan hat.

Am Sonntag hatte ich einen Twitter-Thread zum Rassismus im nordamerikanischen Eishockey und dem Umgang der NHL mit dem Thema geschrieben. Weil aber nicht jeder zu Twitter findet und der recht lang war, veröffentlichen wir den (leicht ergänzten) Text nun auch hier auf dem Blog.

Für manche erscheint es überraschend, warum die NHL den Kampf gegen Rassismus so viel defensiver angeht als andere Ligen wie die NBA oder die MLB . Und warum das, was sie am vergangenen Wochenende tat, für ihre Verhältnisse dennoch bereits als eine Zeitenwende angesehen wird. Ein Thread Text über Diskriminierung in Nordamerikas Eishockey.

Auf den ersten Blick scheint strukturelle Ausgrenzung kein großes Problem im Eishockey zu sein. Das gilt als ultimativer Teamsport, in dem Egoismus kein Platz hat. Es gibt kaum extrovertierte Stars, manche bejubeln Tore nicht mal richtig – auch aus Respekt vor dem Gegner. Zudem gilt Kanada, wo der Sport und die meisten Profis herkommen, als multikulturelles Musterland. Als besseres Amerika, in dem Menschen aus aller Welt friedlich zusammenleben. Ohne Elendsviertel, tausende Morde, Polizeigewalt und KKK. So zumindest der Schein.

Man kann auch kaum angenehmere Mannschaftssportler als Eishockeyspieler kennenlernen. Auf dem Eis geht es teils brutal zu, außerhalb sind sie stets höflich, stets respektvoll, stets bescheiden. Das wirkt fast schon langweilig, aber mit Rassismus bringt man die Szene zunächst nicht in Verbindung. Schaut man aber genauer hin, gibt es massive Probleme mit Nationalismus, Rassismus und Ausgrenzung. Ob Schwarze, Europäer, Menschen mit asiatischen Wurzeln, US-Amerikaner, religiöse Minderheiten oder Frankokanadier – sie alle wurden im Laufe der Jahre diskriminiert.

Schwarze müssen draußen bleiben – und gründen eigene Ligen

Das beginnt schon den Anfangsjahren des Eishockeys im späten 19. Jahrhundert. Damals waren die Gesellschaften Nordamerikas in vielen Bereichen nach Hautfarben getrennt, auch das Eishockey. Zahlreiche Teams und Ligen verstanden sich als rein weiße Veranstaltung. Also entstanden eigene Teams und Ligen von und für Schwarze. 1895, 22 Jahre vor der NHL, gründete sich die Colored Hockey League. Mehr als 400 Afro-Kanadier spielten dort und sollen unter anderem den Schlagschuss erfunden haben. Die und andere Ligen boten nicht nur schwarzen Spielern die Möglichkeit, mit ihrem Sport etwas Geld zu verdienen, auch schwarze Business-Leute fanden dort ein Zuhause. In den großen Ligen war auch in den Chefetagen kein Platz für Nicht-Weiße.

Bis 1930 existierte die Colored Hockey League und hatte – nach allem, was man liest – richtig gute Spieler, doch die Chance in der NHL bekam keiner. Erst 1948 gab es den ersten nicht-weißen NHL-Profi. Und das war kein Schwarzer, sondern ein Mann mit chinesischen Wurzeln. Larry Kwong hieß der und hatte in einer Farmteam-Liga groß aufgespielt, wurde später sogar MVP. Trotzdem saß er in seinem einzigen NHL-Spiel bis zum letzten Drittel draußen, bekam nur einen Wechsel und konnte entsprechend wenig zeigen. Eine zweite Chance bekam er nie.

Nicht mal eine bekam der beste schwarze Spieler der damaligen Zeit: Herb Carnegie war ein Star in einer semiprofessionellen Liga in Quebec neben späteren NHL-Stars wie Jean Beliveau, der viel von ihm lernte. Jahrelang spielte er auf Topniveau, schoss Tore, gewann Auszeichnungen. 1948 wurde er endlich zum Camp der New York Rangers eingeladen. Dort überzeugte er, und bekam dennoch keinen NHL-Vertrag. „Wäre ich ein Weißer, wäre ich in der NHL, ohne Frage“, sagte er später. Was dafür spricht: Maple-Leafs-Boss Conn Smythe soll mal gesagt haben: Wenn sich jemand findet, der Carnegie weiß machen kann, würde er ihm 10.000 Dollar zahlen.

Carnegie fand sein Glück später, wurde kanadischer Golf-Meister, wurde in diverse Hall Of Fames aufgenommen, bekam weitere Auszeichnungen des Landes, wurde Ehrendoktor einer Uni, eine Schule ist nach ihm benannt. Doch als er damals von den Rangers abgelehnt wurde, war das ein schreckliches Signale für schwarze Eishockeyspieler. Die dachten sich: Wenn es nicht mal der Beste in die NHL schafft, wer dann?

Strukturelle Gründe

Viele Schwarze wandten sich ab oder fanden gar nicht erst zum Eishockey. Was natürlich auch strukturelle Gründe hat. Im Schnitt sind sie wirtschaftlich deutlich schwächer gestellt, ethnische Unterschiede lassen sich häufig an Bildung und Einkommen ablesen. Und Eishockey ist nun mal ein teurer Sport. Ausrüstung und Eiszeiten kosten schon für Kinder gern mehr als 1000 Dollar im Jahr.

In den USA ist es noch schwieriger, zum Eishockey zu finden, die wenigsten öffentlichen Schulen bieten den Sport an, die besten Teams des Landes gibt es an teuren Privatschulen. Hinzu kommt, dass Eislaufen in den vielen Gebieten der USA nicht zur Alltagskultur gehört, weil es dort nicht kalt genug wird. Und wer nicht schon in jungen Jahren Schlittschuhlaufen lernt, kann das mit der Profikarriere vergessen. Geschichten, wie in anderen Sportarten, dass spätere Stars erst als Teenager erstmals organisiert spielten, gibt es im Eishockey nicht.

Die NHL musste 41 Jahre alt werden, ehe in Willie O’Ree der erste Schwarze auflief. Als letzte große Liga. Heute wird er als Pionier gefeiert, aber 1958 er angefeindet – und machte nur ein paar Spiele. Es dauerte auch Jahrzehnte, bis er in die Hall Of Fame aufgenommen wurde. Der erste schwarze US-Amerikaner spielte gar erst 1981: Val James.

Das hatte Auswirkungen auf die schwarze Community: Der Eishockey-Journalist Cecil Harris, Autor des lesenswerten Buchs „Breaking the Ice: The Black Experience in Professional Hockey“, beschrieb seine schwarze Nachbarschaft in den 70ern so: „Niemand spielte Eishockey, niemand interessierte sich für Eishockey, und niemand, der Eishockey spielte, sah aus wie wir.“ Selbst in Kanada war das so: Als ein Reporter der „Washington Post“ Anfang der 90er ein vornehmlich schwarzes Viertel in Montréal besuchte, erzählten ihm die Kinder begeistert von Michael Jordan, sie waren alle Basketball-Fans. „Meine Familie will nicht, dass ich Eishockey spiele“, sagte ein 13-Jähriger, „das ist ein Sport für Weiße.“

Selbst heute ist das immer noch so. In NBA und NFL sind Weiße längst eine Minderheit, in der MLB nur noch knapp über 50 Prozent, in der NHL sind mehr als 90 Prozent der Spieler weiß. In den Chefetagen, auf den Tribünen und bei den Medienvertretern sieht es genauso aus. Es gibt zwar hunderte Nicht-Nordamerikaner in der NHL, aber das sind fast alles Nord-, Ost- oder Mitteleuropäer aus Familien ohne Einwanderungsgeschichte. Eishockey ist eben kein Weltsport, in Asien, Afrika oder Südamerika spielt er keine Rolle.

So gut wie jeder Nicht-Weiße kann von Ausgrenzung berichten

Langsam ändert sich das. In Jugend- und Schulmannschaften in Kanada sind schwarze Kinder, indigene oder solche, deren Familien Wurzeln in Asien oder Südamerika haben, keine Seltenheit mehr. Was nicht heißt, dass alles gut sei. Immer wieder gibt es Berichte über Rassismus und Ausgrenzung. Es gibt wahrscheinlich so gut wie keinen nicht-weißen Eishockey-Spieler, der im Laufe seiner Karriere nicht rassistisch beleidigt wurde. Von Gegenspielern, Trainern, Eltern, Zuschauern. Selbst ganz oben in der NHL war und ist das so.

Val James, der erste schwarze US-Amerikaner, war nach seinem letzten Profieinsatz zehn Jahre lang nicht in der Lage, ein Eishockey-Spiel zu besuchen, ohne von den Erinnerungen als schwarzer NHL-Spieler übermannt zu werden. Manche Fans beschimpften ihn permanent als „N****“ oder „schwarzen Bastard“, andere kamen im Ku-Klux-Klan-Outfit zu den Spielen, wieder andere setzen ein Kopfgeld auf ihn aus, wie er in seinem Buch „Black Ice. The Val James Story“ schreibt.

Die meisten Betroffenen sprachen erst nach der Karriere drüber, erzählten von Hallen-Organisten, die die rassistischen Sprechchöre der Fans anheizten. Manche Gegenspieler, erzählte ein anonymer NHL-Spieler dem Magazin „Counter Punch“, hätten gezielt Jagd auf Schwarze gemacht. Thematisiert wurde das selten. Und wenn, kamen schnell Beschwichtigungen. Die große weiße Mehrheit in Liga, Medien und auf den Tribünen hatte nun mal keine eigenen Rassismus-Erfahrungen, empfand das Thema als nicht relevant oder sogar als künstlich aufgebauscht. Auch Sexismus und Homophobie waren allgegenwärtig, der „echte Mann“ wurde zum Ideal erhoben. Der angeblich zu weiche Sidney Crosby hieß Cindy Crosby. „Pussy“ oder „Fag“ sind auch unter Fans Standardworte. Don Cherry durfte jahrelang als TV-Experte hetzen.

Viele Aktionen – viel Alibi

Erst seit einigen Jahren ändert sich das. Nun greift die NHL durch. Rassistische Fans werden aus Hallen geworfen, Trainer, die Spieler diskriminieren, gefeuert. Auch Cherry ist weg. Es gibt Initiativen wie „Hockey Is For Everyone“, „Pride Month“ oder „Black History Month“. Für viele waren das aber Alibi-Aktionen. Kam es drauf an, blieb die NHL ein reaktionärer Männerbund. Als Colin Kaepernick 2016 bei der Hymne kniete, sagte der NHL- und damalige US-Nationaltrainer John Tortorella, er werde Spieler, die bei der Hymne protestieren, nicht einsetzen. Und als J. T. Brown, damals Spieler in Tampa, während der Hymne seine Faust hob, erhielt er Morddrohungen.

Auch Ligaboss Gary Bettman war kein Freund der Proteste. Die Spieler sollten „in ihrer Freizeit protestieren“. Dass Stanley-Cup-Sieger Pittsburgh Penguins im Gegensatz zu anderen US-Meistern 2018 Trump im Weißen Haus besuchte, fand Bettman nicht zu politisch für die Arbeitszeit. Ebenso wenig die ständige Abfeierei von Militär und Polizei während der Spiele.

Bei Rassismus ist das etwas anderes. Aber das ist ja ohnehin Thema der anderen. Oder eher gar keins. Selbst als es durch den Tod von George Floyd jüngst wieder hoch kam und auch in der Sportwelt mehr denn je diskutiert wurde, tat sich in der NHL zunächst wenig. Es dauerte Tage, bis auch bekanntere weiße Spieler, Klubs und die Liga Statements veröffentlichten. Und die waren bei weitem nicht so deutlich wie die aus anderen Ligen. Meistens hieß es, man müsse jetzt erst mal lernen und Betroffenen zuhören. An sich keine schlechte Idee, wenn man sich nicht auskennt. Aber warum tun das Eishockeyspieler nicht? Wollen sie ernsthaft erzählen, sie wüssten nicht, dass es Rassismus gibt? Oder dass sie ihre Kollegen, die seit Jahren davon berichten, nie ernst genommen hätten?

Einige schwarze Spieler haben nun die Hockey Diversity Alliance (HDA) gegründet, die will die Liga, ihre Kollegen und die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Aber noch ist sie wenig begeistert von der Reaktion aus dem Liga-Büro. Evander Kane sagte: „Egal was sie [die NHL-Bosse] tun oder sagen, bei mir und jeder anderen Person in der HDA wird alles auf taube Ohren stoßen, weil die Liga keine Anstrengungen unternommen hat, um ihre eigenen schwarzen Spieler zu unterstützen.“ So konnte es nicht wirklich überraschen, dass bei den ersten Testspielen für den Neustart niemand bei der Hymne kniete oder #BlackLiveMatter aufs Eis malte. Man mischte lediglich die Mannschaften durch. Der Applaus von Trump-Sohn Eric und seinem rechten Gefolge kam prompt.

Ein Wochenende, das Mut macht

Am Samstag dann die Wende. Am Nachmittag durfte Matt Dumba bewegende Worte reden und kniete bei der Hymne, auf den Leinwänden stand „End Racism“. Abends gab es vor einem anderen Spiel einen Anti-Rassismus-Clip, der auch in den sozialen Medien veröffentlicht wurde.

Also alles gut? Noch lange nicht, aber das Wochenende zeigt, dass es langsam in die andere Richtung geht. Wir werden vermutlich nie eine so klare und von nahezu allen getragene Haltung gegen Rassismus erleben wie in anderen Ligen. Wir werden keine NHL erleben, die frei von Diskriminierung ist. Dafür ist Ungleichheit zwischen Bevölkerungsgruppen zu stark in der Eishockey-Kultur verankert. Dafür gibt es zu viele Fans, für die NHL ein weiße Liga ist. Und die das auch kundtun, und sei es „nur“ online.

Deswegen muss man das Wochenende schon als großen Schritt sehen. Ein schwarzer Spieler, der vor einem K.O-Spiel zwei Minuten lang gegen Rassismus sprechen und sagen darf, dass es in der Eishockey-Kultur strukturelle Probleme gibt? Vor wenigen Monaten undenkbar. Allerdings ist es bezeichnend, dass er nach wie vor der einzige Spieler ist, der während der Hymne kniet oder die Faust hebt.

Ich habe mich auf die Diskriminierung von Schwarzen beschränkt. Es gibt weitere Gruppen, die strukturell benachteiligt und angefeindet wurden und werden: andere und religiöse Minderheiten, europäische Spieler (vor allem Russen), US-Amerikaner, Frankokanadier. Dazu irgendwann mal mehr.

Zum Abschluss noch etwas Werbung: Ausführlich behandele ich das Thema in meinem Buch „Die stärkste Liga der Welt – Eishockey in der NHL“. Die zweite Auflage erschien 2019, die neuen Entwicklungen fehlen natürlich. Seht die letzten Tweets dieses Threads den letzten Teil des Textes als Ergänzung.

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