10 Ideen für das deutsche Eishockey

Das Eishockey scheint nach der Olympischen Silbermedaille durch die Republik zu schweben. Heute geht es in der DEL weiter. Da stellt sich die Frage, wie man den Hype erhalten und nutzen kann.

Die Laune im deutsche Eishockey ist dieser Tage gut wie lange nicht. Nach zwei Viertelfinal-Teilnahmen bei den beiden jüngsten Weltmeisterschaften folgte nun der größte Erfolg der Verbandsgeschichte: die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen. Das klingt nach einer Entwicklung, einer neuen Konstanz unter DEB-Präsident Franz Reindl und Bundestrainer Marco Sturm. Und ja, unter dem gar nicht mehr so neuen Duo hat sich ja wirklich etwas verändert: Die Nationalmannschaft ist nicht mehr dieses lästige Zusatzteam, das sich vor zweifelhaft gekleideten Fans gegen Kanada 1E blamiert. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Sie sorgt für positive Schlagzeilen. Nach Jahren des Stillstands oder gar Rückschritts, nach Jahren des Gegeneinander, nach Jahren der Konzeptlosigkeit gibt es nun sogar Projekte und Ideen für die Zukunft, die mit selbst erwirtschafteten Gewinnen finanziert werden. Also alles gut? Nein, noch lange nicht. Deswegen kommen hier zehn Vorschläge, wie das deutsche Eishockey den aktuellen Hype verlängern und sich langfristig verbessern kann.

1. Führt endlich Auf- und Abstieg zwischen DEL und DEL 2 ein

Suprise, surprise, zu Beginn kommt gleich der Klassiker, der vor ein paar Wochen heiß diskutiert wurde, weil einer (We are looking at you, Bietigheim!) ein falsches Formular ausgefüllt hat und die Gegenseite (a.k.a. Gernot) das gekonnt ausnutzte. Und auch wenn unser Glauben an die Einführung immer mehr schwindet, sind Auf- und Abstieg zwischen der DEL und der DEL2 langfristig existenziell. Wer Fans, Sponsoren und Medienvertreter nicht weiter verärgern will. Wer verhindern will, dass Teams lange vor dem Saisonende um nichts mehr sowie vor wenigen spielen und ihren halben Kader abgeben. Wer die Dramatik des „Überlebenskampfes“ sehen und vermarkten will. Und vor allem: Wer den Zweitligisten eine faire Perspektive bieten will, der muss die DEL öffnen. Natürlich nicht übereilt, und natürlich gehören dazu Standards, die die DEL2-Vereine einzuhalten haben. Aber wisst ihr was: Wer nun welchen Fehler gemacht hat, ist den Leuten da draußen komplett egal. Sie wollen einfach, dass es endlich wieder Auf- und Abstieg gibt.

2. Wir brauchen einen bundesweiten Eishockey-Tag

Es gibt ihn in Kanada, es gibt ihn in den USA, es gibt ihn in der Schweiz: einen landesweiten Eishockey-Tag. In Kanada ist das ein regelrechtes Volksfest, da gehen die Leute auf die Seen oder in die Hallen und spielen den ganzen Tag Eishockey. Die Medien berichten von morgens bis spät abends darüber, reisen von Kleinstadt zu Kleinstadt, erzählen Eishockey-Geschichten aus den Kommunen, interviewen den ein oder anderen Star, der dort angefangen hat und zeigen schöne Bilder von Kindern, die auf zugefrorenen Seen spielen. Zwischendurch stehen immer wieder NHL-Spiele an, die kanadischen Mannschaften haben allesamt Derbys oder Duelle mit anderen kanadischen Teams. Und das könnte man doch kopieren. Natürlich ist die Eishockey-Kultur hier eine andere. Aber wäre es etwa schlecht, wenn man so einen Tag einführt und in den Januar legt, wenn die meisten anderen Sportarten pausieren? Wie wäre das: Allerorten arbeiten die Eishockey-Vereine mit ihren Nachbarn, anderen Sportlern und Schulen zusammen, öffnen ihre Halle den Tag über und lassen alle frei spielen. Am Nachmittag/Abend steigen dann Liga-Spiele in den Hallen. Und die, die vorher selbst auf dem Eis waren, kriegen Freikarten oder zumindest vergünstigte Tickets. So ein Tag, an dem Eishockey mal ins Bewusstsein der Leute außerhalb der Blase vordringt, der wäre doch gar nicht so schlecht. Nicht auszudenken, wenn dann auch noch die Medien berichten.

3. DEL-Teams müssen 20 Prozent ihres Etats in die Jugend stecken und ein DNL-Team stellen

Wer den Funktionären so zuhört, der könnte denken, der Rest der Eishockey-Welt sollte sich mal besser ganz warm anziehen. Oder lieber gleich Platz machen, denn hier kommen die U-Nationalmannschaften des DEBs. Kaum einer der älteren Herren aus Verbänden oder Vereinen, der nicht alle paar Tage irgendeine Phrase über die „Wichtigkeit der Jugendarbeit“ absondert. Kaum einer, der rot wird, wenn er den heimischen Nachwuchs als Basis für die Zukunft lobt. Die Realität sieht wenig überraschend anders aus. Nur zwei Silbermedaillengewinner sind unter 23 Jahre alt, U18 und U20 spielen seit Jahren nicht mal mehr erstklassig, und das Niveau der DNL ist nun auch nichts Berühmtes. Zwar gibt es mittlerweile überall hauptamtliche Jugendtrainer in den Stammvereinen. Aber im Verhältnis zu dem, was in den ersten drei Ligen für die Profis ausgegeben wird, ist das alles nicht ernstzunehmen. Manches DEL-Team gönnt sich ja bis heute keine Mannschaft in der DNL. Und weil es mit freiwilligen Vereinbarungen und nett formulierten Absichtserklärungen nicht funktioniert, müssen die folgenden beiden Regeln wohl zur Voraussetzung für die Lizenz werden: Jedes Team in der DEL sowie der DEL 2 muss mindestens 20 Prozent seines Profi-Etats in die Jugendarbeit stecken. Wer in einer der ersten beiden Ligen mitspielen will, muss ein DNL-Team stellen.

4. Fünf Spieler des Profikaders müssen aus der eigenen Jugend kommen

Das Problem mit dem fehlenden Nachwuchs liegt natürlich nicht nur an der Jugendarbeit an sich. Wer mit jungen Spielern spricht, hört immer wieder, dass es für sie in den Profikadern kaum Perspektiven gibt. Da wird lieber auf den günstigen Kanadier oder das abgehalfterte Schlachtross aus Niederbayern gesetzt, das 600 Profi-Spiele lang in der vierten Reihe rumgestolpert ist. Weil in den ersten beiden Ligen immer nur von Jahr zu Jahr gedacht wird. Jetzt müssen die Play-offs her. Jetzt brauchen wir die Meisterschaft. Wie kann es sein, dass in Mannheim, deren Jungadler 14 der 17 DNL-Titel geholt haben, fast nie jemand den Sprung nach oben schafft? Wie kann es sein, dass das deutsche Toptalent Dominik Bokk im Interview sagt, dass für ihn klar war, 2017 ins Ausland zu gehen, weil er in der DNL nichts mehr lernen konnte und in der DEL keine Chance bekommen hätte? Wie kann es sein, dass diverse Teams jeden Sommer ihren halben Kader austauschen und dabei konsequent die eigene Jugend ignorieren? Deshalb braucht es auch hier eine Regel: Mindestens fünf Spieler auf dem Spielberichtsbogen müssen mindestens drei Jahre in der Jugend des jeweiligen Vereins gespielt haben. Das würde auch die Debatte um eingedeutschte Spieler entschärfen. Die wird von manchen übrigens mit einer Blut-und-Boden-Ideologie geführt, die einen anwidert. Aber das ist ein anderes Thema.

5. Es braucht vier regionale Leistungszentren

Wer mit Nachwuchsspielern oder Jungprofis spricht, hört übrigens noch eine wiederkehrende Beschwerde: Der Sprung von der DNL in die DEL ist für viele zu groß. Der DEB hat deswegen nun die Altersgrenze der DNL um ein Jahr nach oben versetzt, aber das reicht uns nicht. Es braucht also einen Zwischenschritt. Dass den nicht jeder Verein selbst organisieren kann, ist logisch, deswegen braucht es gemeinsame U23-Teams, die in der Oberliga spielen. Dafür müssen vier regionale Leistungszentren gegründet werden. Dort trainieren nicht nur die besten U23-Spieler aus allen Vereinen im Einzugsgebiet, die es noch nicht in die DEL- oder DEL 2-Teams schaffen, dort kommen auch die besten U17- und U20-Spieler aus der Region regelmäßig zusammen, machen Zusatzmaßnahmen und Testspiele. Vielleicht spielen die irgendwann auch als feste Teams in den Ligen mit. Das mag vielen nicht gefallen, aber ohne Zentralisierung der Jugendarbeit wird es langfristig nicht gehen. Natürlich hängen da viele Emotionen dran, weil jeder Verein mit seinen eigenen Teams Erfolge feiern will und die Identifikation mit einer Regionalauswahl eine andere ist. Aber bevor es in fünf Teams der Region jeweils drei gute Spieler gibt, die im Training kaum gefordert werden, sollte man sie lieber an einen Ort holen. Die USA haben vorgemacht: Ihre U-Nationalmannschaften haben sich sensationell entwickelt, seit sie das ganze Jahr über zentral an einem Ort trainieren und als feste Teams in Nachwuchsligen spielen.

6. Führt ligaweite Throwback-Tage ein

Nicht nur die Jugendarbeit muss verbessert werden, auch das, was während eines Profispiels auf und neben dem Eis passiert, bedarf einer Steigerung. Die meisten Vereine verfahren nach einem einfachen Prinzip: Wir schließen die Halle auf, werfen Grill sowie Zapfanlage an und stellen zwei Teams aufs Eis. Das mag manchen genügen, aber so kommt man nicht an mehr Fans und Aufmerksamkeit. Das heißt nicht, dass wir nun Dauerbeschallung über Boxen und Videowürfel fordern, wir wollen keine passiven NHL-Zuschauer, die nur auf die nächste Animation warten. Aber was wir von den Vereinen fordern, ist mehr Besinnung auf die eigene Geschichte. Denn nur wer sich wirklich mit seinem oder ihrem Verein identifiziert, kommt auch an schlechten Tagen. Also her mit dem Throwback-Jersey-Tag! OK, das klang jetzt natürlich sehr nach NHL, aber wenn es um Trikots und besondere Aktionen geht, ist die nun mal Vorbild. Was wir damit meinen: Wir brauchen Spieltage mit Retro-Trikots, an denen verdiente Spieler geehrt werden und sich die Vereine ihrer Geschichte erinnern. Das gab es zuletzt immer mal wieder auf lokaler Ebene, aber wir brauchen einen ligaweiten Retro-Tag. Das sorgt für Identifikation, für Geld in der Kasse, weil neue Trikots verkauft werden und für Aufmerksamkeit, weil die Medien an so einem Tag genauer hinschauen.

7. Führt endlich Samstagsspiele ein

Im deutschen Eishockey gibt es seit Jahrzehnten zwei feste Spieltermine: Freitagabend und Sonntagnachmittag. Das darf auch gern so bleiben, das hat sich bewährt und wird angenommen. Aber es muss ja nicht dabei bleiben. Und damit meinen wir nicht noch mehr Spiele unter der Woche, sondern die Einführung eines oder mehrerer Samstagsspiele. Der Termin ist vor allem für die Fans in der Halle günstig, weil die meisten an dem und am folgenden Tag frei haben. Das zeigte sich im Dezember des vergangenen Jahres, da stiegen neun Spiele an einem Samstag, und es kamen im Schnitt mehr als 9000 Zuschauer. Natürlich gab es günstige Umstände dafür: München spielte in der großen Halle, Teams wie Köln, Mannheim und Berlin hatten Heimspiele. Aber auch in Ingolstadt, Krefeld und Schwenningen waren die Hallen deutlich voller als sonst. Also: Her mit den Samstagsspielen, Angst vor dem Fußball müsst ihr nicht haben. Und wenn doch, dann legt das erste Bully auf 18 Uhr.

8. Bessere Medienarbeit muss her – von Sendern, Verlagen und Fans

Nach Olympia meckern nun viele Fans, dass ARD und ZDF auch mehr Vereinseishockey zeigen sollten. Und das stimmt auch. Aber die Schuld nur bei den Sendern zu suchen, ist zu einfach. Bundesliga und DEL haben im Laufe der Jahre dutzende Fehler gemacht und zu oft auf das Pferd Pay-TV gesetzt. Auch waren die Bilder, die angeboten wurden, einfach zu schlecht. Mit Servus TV, Telekom und Sport 1 hat sich bereits einiges verbessert, aber das kann nur der Anfang sein. Der Sport muss zurück in die Öffentlich-rechtlichen. Zwar nicht mit Livespielen, aber mit mehr Zusammenfassungen in Sportschau und Sportstudio, die zu reinen Fußballsendungen verkommen sind und nicht mal mehr die Ergebnisse anderer Sportarten vorlesen. Mindestens genauso wichtig ist aber die Medienarbeit aus der Szene heraus: Es braucht viel mehr Videos, Fotos und Grafiken auf den Social-Media-Kanälen von Liga und Verband. Es braucht eine wöchentliche Eishockey-Show, in der Experten die Lage der Lage einschätzen. Und es braucht viel mehr sportkulturellen Content. Sei es eine Art „11 Freunde für Eishockey“, seien es Fanzines, Blogs oder Podcasts. Die Szene muss endlich aufwachen und nicht nur konsumieren und dann meckern, dass es zu wenig gibt.

9. Erst die Eishallen, dann die Spieler und Trainer

Das Thema kommt hier natürlich viel zu spät, denn wie hat Frank Gonzalez vom IIHF im November in Köln gesagt? „Erst die Hallen, dann die Trainer und Spieler.“ All die tollen Konzepte wie Powerplay26 bringen natürlich nichts, wenn es keine Eishallen gibt. Die werden aber immer weniger. In ganz Deutschland sind es deutlich weniger als 400. Und viele von denen haben massive Probleme oder mussten bereits vor Jahren schließen. Im Schnitt sind die Hallen älter als 40 Jahre – und man sieht es ihnen an. „Es muss massiv renoviert werden, sonst bröckelt alles weg“, hat Achim Staudt, Vorsitzender beim KEV 81 aus Krefeld und Vizepräsident des neuen Eishockeyverbandes NRW, bei der Konferenz zur Eishallensituation in NRW gesagt. Es geht für Vereine und Verbände also darum, Wege zu finden, alte Hallen zu erhalten und neue entstehen zu lassen. Dafür braucht es gute Kontakte in die Politik und zu anderen Eissportlern, dafür braucht es aber auch kluge Konzepte, was in der eisfreien Zeit mit der Halle passiert. Beides hatte es in den vergangenen Jahren eher selten gegeben.

10. Mehr Zusammenarbeit mit Skater- und Inlinehockey

Das Hallenproblem wird nicht von heute auf morgen gelöst sein, deswegen braucht es für die Übergangsphase andere Ideen. Wie wäre es da mit mehr Zusammenarbeit mit Skater- oder Inlinehockey-Vereinen? Turn- oder spezielle Hallen gibt es genug, dort können Kinder, die vielleicht keinen Eishockey-Verein in der Nähe haben, erst mal anfangen. Und selbst wenn es nachher nicht für die große Karriere reicht, dann bleiben sie wenigstens als Fans erhalten. Wer sich bei Skaterhockey-Vereinen umsieht, wird kaum ein Kind oder einen Jugendlichen entdecken, der nicht irgendein T-Shirt oder eine Kappe von NHL- oder DEL-Klubs trägt. Nicht umsonst setzen vor allem Vereine aus der NHL darauf und bauen in ihren Städten sogar selbst Rollerhockey-Plätze. So bleibt ihr Sport auch im Sommer präsent und sorgt für neue Spieler und Fans. Kurzum: Der DEB muss mit dem ISHD kooperieren, die Eishockey-Vereine vor Ort mit den Skater- oder Inlinehockey-Klubs.

5 Kommentare

  1. Ergänzend würd ich noch beifügen das Spieler mit deutschem Pass die nicht mindestens zwei Altersklassen im deutschen Nachwuchs gespielt haben, eine halbe Kontingentstelle einnehmen.

  2. In Berlin bräuchten wir eine Ausweitung der Eiszeiten in den Frühsommer (April und Mai) hinein, die Pause ist sonst einfach zu lang (für alle die keine Eisbären sind).

  3. Jugendarbeit Jugendarbeit und nochmals jugendarbeit.. ich hätte so gerne als kind eishockey gespielt und hatte nie die gelegenheit dazu weil einfach keine eishalle bzw ein verein dafür in der nähe war… natürlich geht das nicht so einfach in einer kleinen stadt/dorf aber auch da kann man anfangen die jugend mit bspw. inline-hockey etc. abzuholen. Naja und mehr eishockey in den medien…ohne medien gewinnst du heute keinen blumentopf mehr

  4. Insgesamt gut, Punkt 10 ist schlecht recherchiert. Es gibt genug Turn- und Sporthallen stimmt zumindest in Berlin nicht ansatzweise. Auch die Skaterhockeyveteine haben hier massive Probleme. Der Punkt hätte übrigens noch um Floorball/Unihockey ergänzt werden können. Diese Sportart Schulz neben der Atlethik auch deutlich besser das Stickhandling. In Schweden/Finnland/Schweiz, spielen viele (Nachwuchs)Teams das nämlich im Sommer, was auch zur besseren Ausbildung der Eishockeyspieler beiträgt!

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